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Glücklicher Wohnen im Alter
Wie Räume das Altern erleichtern können

 

Die Architektur widmet sich seit einigen Jahren verstärkt der Thematik des demographischen Wandels. Man beschäftigt sich intensiver mit den Bedürfnissen einer älter werdenden Gesellschaft und der damit verbundenen und notwendig werdenden Architektur, die dieser Personengruppe gerecht wird. Dabei wird der Aspekt der Barrierefreiheit bereits verstärkt in die Planungen mit einbezogen, was aber lediglich als grundlegende Maßnahme zu betrachten ist.

Räume für mehr Lebensqualität

Denn die Bedürfnisse von alten, insbesondere demenzkranken Menschen, von welchen wir aktuell etwa 1,5 Millionen in Deutschland zählen, erfordern weitaus mehr als einer barrierefreien Umgebung. Sie benötigen einem Lebensraum, der Ihnen trotzt mobiler und oft auch geistiger Einschränkungen Lebensqualität spendet und Optionen anbietet, persönliche Defizite zu kompensieren.

Betrachtung des Individuums

Persönliche Gegenstände an den Zimmertüren ermöglichen den Bewohnern eine bessere Orientierung.

Um nun passende Gebäude- sowie Raumtypologien, ebenso wie ein nutzerspezifisches Interieur zu entwickeln, bedarf es zunächst einer intensiven Auseinandersetzung und einem damit verbundenen Verständnis für einerseits die Einschränkungen und Beschwerden älterer Menschen allgemein sowie auch mit dem Krankheitsbild der Demenz.

Neben allgemeinen Defiziten älterer Menschen, wie einer eingeschränkten Mobilität, einer verlangsamten Reaktionsfähigkeit, verminderten Sehkraft und diversen anderen Sinneseinschränkungen ist bei der Demenz noch eine reduzierte Orientierungsfähigkeit sowie ein, je nach Stadium der Krankheit, zunehmender Kurzzeit-Gedächtnisverlust zu berücksichtigen. Menschen, die unter Demenz leiden, können aber oft noch ganz gut auf Ihr Langzeitgedächtnis zugreifen, was bedeutet, sie erinnern sich an Erlebnisse und Erfahrungen, welche in der Zeit zwischen ihrem 20. und 30. Lebensjahr stattgefunden haben. Dies ist ein nicht zu unterschätzender Erkenntniswert der bisherigen Forschung. Diese Tatsache lässt sich bei der Gestaltung demenzfreundlicher Behausungen positiv nutzen, indem man auf die noch vorhandenen Erinnerungen aus dieser Zeit zurückgreift und so den Personen wichtige Informationen vermittelt, die Ihnen den Alltag erleichtern. In der Praxis kann das ein Namensschild sein, mit dem damaligen Mädchennamen, welcher an der Zimmertür der Patientin in einer Pflegeeinrichtung angebracht wird. Auch vertrautes Mobiliar aus jener Zeit erschließt sich dem Betroffenen in seiner Funktion eher, als modernes Inventar.

Bedürfnisorientierte Planung

Die vier Wohnbereiche unterscheiden sich durch Farbe und Thema, indem sie Motive aus der Hansestadt aufgreifen.

Um nun einen kompakten Planungskatalog für die Nutzer erstellen zu können, sollte man noch die generellen Bedürfnisse Menschen hohen Alters und auch solchen mit einer Demenzerkrankung betrachteten. Diesbezüglich ist es sinnvoll zunächst den Begriff ‚Lebensqualität‘ an sich zu hinterfragen und Faktoren zu definieren, welche diese auszeichnen. Als einer der wichtigsten Punkte dürfte dabei gerade in unserer Gesellschaft die Selbstbestimmtheit stehen. Man muss sich darüber bewusst werden, dass jeder dieser Menschen das bisherige Leben selbstbestimmt, mit viel Verantwortung und Würde geführt hat. Dies aufzugeben, plötzlich auf fremde Hilfe angewiesen und oft auch in gewissem Maß von einer Vormundschaft abhängig zu sein, bedeutet für die meisten von Ihnen wohl den größten Verlust ihrer selbst. Im Laufe der Zeit ist man diesem Umstand sehr sensibel entgegengekommen indem man Partizipation bei der Wohnraumgestaltung, bei alltäglichen Tagesabläufen sowie der Auswahl von Musik und Essen ungeachtet des Alters und der Einschränkungen als Prinzip in Pflegekonzepten verankert hat.

Individualismus als Leitprinzip

Auch die Auslebung von Individualismus, ist ein wichtiger Aspekt bei der Bewertung von Lebensqualität. Jeder Mensch hat doch das Bedürfnis einen persönlichen Lebensstil zu entfalten, Musik hören zu dürfen die etwas in einem auslöst, Dinge tun zu können, die einem Spaß machen und vielleicht auch wichtig erscheinen und eben auch in Räumen zu leben mit denen man sich selbst identifizieren kann. Weitere Punkte sind die soziale Interaktion und Kommunikation. Auch sie verstärken die positive Bilanz eines qualitativen Lebensstils. Diese Grundbedürfnisse sind weder altersabhängig noch werden sie durch eine Krankheit eingeschränkt.

Neue Wege

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema ‚alternde Gesellschaft‘ hat in den letzten Jahren viele alternative Wohnformen hervorgebracht. Neben Alten- und Pflegeheimen gibt es betreute Senioren- und Demenz-Wohngemeinschaften, Mehrgenerationen-WG’s, Partizipative Wohnhöfe und Alternativen, die ein Altern im eigenen Zuhause ermöglichen durch technische Lösungen, bauliche Umbaumaßnahmen verbunden mit ambulanter Pflege oder Tagespflege. Die Palette an Möglichkeiten ist groß. Neben der Art der Wohnform ist aber auch der Wohnbereich als solches zu definieren, der alten und demenzkranken Menschen gerecht wird und Ihnen ein würdevolles Altern mit maximaler Lebensqualität garantiert. Wo wir bei der Frage angekommen wären, was insbesondere die Architektur dazu beitragen kann.

Wohnen mit allen Sinnen

Großen Einschnitte belichten Flure und Geschoßlobbies und bieten den Bewohnern passepartoutähnliche Ausblicke

Beginnen wir bei der Innenraumgestaltung. Farb- und Lichtkonzepte können der Orientierung dienen und erhöhen den Wohnkomfort. Sinnvoll ist eine kontrastreiche Farbgestaltung, aus sanften Pastelltönen. Die hellen Farbnuancen entsprechen dem Farbempfinden betagter Personen und wirken sich positiv auf das Wohlbefinden aus. Der Kontrast unterstützt das Unterscheiden von verschiedenen Flächen und Bereichen. Beispielsweise die Wand vom Boden, wobei der Boden aber nicht zu dunkel und unbedingt rutschfest sein sollte um nicht wiederum für Unsicherheit zu sorgen. Mögliche bauliche Hindernisse, welche zu Stolperfallen werden könnten, sind farblich so abzusetzen, dass Sie deutlich als solches erkannt werden. Ausgangstüren und Türen von Räumen, welche von den älteren Personen nichtbetreten werden sollen sind in der Farbe der Wand zu tarnen und wichtige Türen wie Badezimmer- und Schlafraumtür sind hingegen entsprechen auffällig zu gestalten. Wichtig ist, dass es sich bei dem Kontrast, nicht nur um einen reinen Farbkontrast, sondern auch und insbesondere um einen Helligkeitskontrast handelt. So spricht das Konzept auch jene an, welche mit einer eingeschränkten Farbwahrnehmung leben. Hingegen sollten stark bemusterte Tapeten, verglaste sowie verspiegelte Elemente unbedingt vermieden werden. Muster können Stress auslösen, Verglaste Elemente können übersehen werden und verspiegelte Flächen können irritieren.

Neben der Farbgestaltung ist auch ein durchdachtes Lichtkonzept unerlässlich. So sollten die Räumlichkeiten alle hell mit Tageslicht ausgeleuchtet, aber dennoch blendfrei sein. Sanfte, indirekte Beleuchtung kann dazu dienen die effektive Ausleuchtung der Räume künstlich zu unterstützen ohne dass Blendreflexe entstehen. Direkte Beleuchtung ist in allen Bereichen in denen aktive Prozesse stattfinden erforderlich, wie beispielsweise am Esstisch. Lichtelemente im Boden können ebenfalls der Orientierung dienen. Ein gutes Lichtkonzept wirkt sich ähnlich positiv auf das Wohlbefinden aus wie eine Lichttherapie.

Doch wichtig ist die Balance zwischen Sinnesstimulation und Reizüberflutung. Die Multisensorische Sinnesstimulation ist für Menschen, deren Sinneswahrnehmungen ohnehin eingeschränkt sind unerlässlich, denn durch die Beanspruchung der Rezeptoren wird einerseits negativer Langeweile vorgebeugt, was die Zufriedenheit steigert und andererseits werden auch Prozesse trainiert, wodurch Menschen länger agil bleiben.

Ein offener Grundriss zur besseren Orientierung

Baulich betrachtet, ist ein offener Wohn-, Ess- und Küchenbereich sehr vorteilhaft. Nicht nur aus Gründen der Barrierefreiheit, sondern auch weil ein offener Raum Übersichtlichkeit bietet. Im besten Fall kann man sogar das Bad aus dem Wohnbereich sehen, was älteren Menschen die Auffindbarkeit der Toilette erleichtert. Einrichtungen, in denen mehrere Menschen zusammen wohnen, sollten über ausreichend Begegnungsbereichen und Kommunikationszonen verfügen. Sitznischen im Flur sind beispielsweise eine einladende Gelegenheit zur netten Plauderei.

Natur als Begegnungsort

Die Außenanlage ermöglicht den Bewohnern Anreize für alle Sinne.

Genauso läd auch sicher ein hübsches Plätzchen im Garten unter einem schattenspendenden Baum zum gemeinsamen Verweilen ein. Aber auch auf Bereiche der sozialen Interaktion sollte Wert gelegt werden. Dabei kann ein angelegter Garten durchaus zum beliebten Treffpunkt und Aufenthaltsort werden. Saisonal blühende Bäume und Sträucher im Garten erlauben es die Jahreszeiten intensiver zu erleben. Ein Tiergehege bringt Dynamik und Aufgaben, an Hochbeeten kann gegärtnert und am Grillplatz können Feste gefeiert werden. Der Garten ist ein Instrument mit dem nahezu alle Rezeptoren stimuliert werden und somit einer der wichtigsten ‚Räume‘ in der Frage wie Räume das Altern erleichtern können.

 

 

Die drei verschiedenen Wohnkuben sind über lichte Glastreppenhäuser verbunden.

Kompetenzzentrum Demenz
Nürnberg

Bauherr: Diakonie Neuendettelsau
Bauzeit: 2004-2006
Baukosten: 7,9 Mio. EUR
BGF: 5.928 qm
Plätze: 96 Plätze in 8 Hausgemeinschaften

Das integrierte Konzept des Kompetenzzentrums für Menschen mit Demenz in Nürnberg ist bisher einmalig in Deutschland. Gemeinsam mit weiteren Anbietern wurde ein dichtes Netz geknüpft, das demenziell erkrankten Menschen und ihren Angehörigen Beratung und Versorgung bietet. Der Komplex gliedert sich in zwei Baukörper. Ein fünfgeschossiges Ärztehaus beherbergt Räume für Veranstaltungen und Praxen.

Im Rücken dieses Kopfbaus liegen drei zueinander versetzte Wohnkuben, die durch lichte Glastreppenhäuser miteinander verbunden sind. In den dreigeschossigen Kuben bilden zehn

Grundriss des Patio-Wohnkubus mit Innenhof.

bis zwölf Einzelzimmer eine Hausgemeinschaft, der jeweils eine Wohnküche mit Loggia zugeordnet ist. Die Hausgemeinschaften eröffnen den Bewohnern die Wahl zwischen unterschiedlichen Atmosphären: Der Patio-Typ umfasst einen lichten Innenhof, der Janus-Typ formt eine dunkle, geborgene Wohnhöhle, der Typ Bauernstube interpretiert eine traditionelle ländliche Umgebung. Auf den drei Etagen wird jede der drei Typologien nochmals variiert. Mittels unterschiedlichen Farben und Materialien entstanden acht verschiedene Wohnwelten, die an die Biographien der Bewohner anknüpfen. Diese Vielfalt an Wahlmöglichkeiten zeichnet das Kompetenzzentrum in besonderer Weise aus. Wechsel – Freiheit – Verbundenheit, an diesen Grundwerten richtet sich die Architektur des zukunftsweisenden Wohnortes für Menschen mit Demenz aus.

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Mit seiner klaren Struktur passt sich der Neubau in die Umgebung der Rostocker Plattenbausiedlung ein.

Seniorenzentrum Lütten Klein 

Rostock

Bauherr: KerVita Betriebs GmbH
Bauzeit: 2009-2010
Baukosten: 5,4 Mio. EUR
BGF: 6.750 qm
Plätze: 120

Ausgangspunkt der Planung des Seniorenzentrums im Rostocker Stadtteil Lütten Klein war die Orientierung an den lokalen Erfordernissen und Bedingungen. Auf vier Etagen werden 120 Pflegeplätze in Ein- und Zweibettzimmern angeboten.
Drei Einschnitte gewähren Einblicke in das Innere. Sie belichten die Flurenden und die Geschosslobbies mit dem angeschlossenen Treppenhaus. Von außen verleihen sie dem Baukörper Transparenz, aus dem Innern

Auf den vier Etagen des U-förmigen Gebäuderiegels werden 120 Pflegeplätze in Ein- und Zweibettzimmern angeboten.

eröffnen sie passepartoutähnliche Ausblicke. In seiner Form, seiner farblichen Fassung und dem architektonischen Duktus spricht der Neubau die Sprache seiner Umgebung und wirkt als Resonanzkörper in den Stadtraum.
Auch die Innengestaltung schafft vielfältige Bezüge zu Rostock: Die vier Wohnbereiche Zoologischer Garten, Warnemünde, Stadtpark und Hafen greifen Motive aus der Hansestadt auf. In den Fluren und Gemeinschaftsräumen hängen Bilder aus der näheren Umgebung, aus der alltäglichen Lebenswelt der Rostocker. Es sind gemeinsame Erinnerungen, die von den Bewohnern geteilt werden und die lokale Identität authentisch widerspiegeln. Das Seniorenzentrum kann den Bewohnern Heimat im doppelten Sinn sein: Wohnung und vertrautes Stadtbild rücken zusammen.

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Schon seit Jahren beschäftigt sich das Architekturbüro Feddersen mit dem Thema seniorengerechtes Bauen. In diesem Jahr wurde der Architekt Eckhard Feddersen, im Rahmen der Preisverleihung des Deutschen Alterspreises 2016, mit Otto Mühlschlegel Preis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet.

Nähere Informationen zu den Projekten finden Sie auf http://www.feddersen-architekten.de/

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