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  • Irreführend – Effizienzklassen für Gebäude (AFA-Magazin 4/2014, S.31)
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Vom Endenergieverbrauch lässt sich nicht direkt auf die Verbrauchskosten eines Gebäudes schließen.

In Energieausweisen und Immobilienanzeigen steht ab Mai eine Pflichtinformation mehr als bisher: die Effizienzklasse, von A+ für hervorragend bis H für mangelhaft. So hat es die Bundesregierung im Herbst des vergangenen Jahres beschlossen, ohne dass es eine öffentliche Anhörung gegeben hätte. Ein wertvoller Service für Käufer oder Mieter von Wohnungen, Häusern und Büros? Bei genauerem Hinsehen wird klar: Das Gegenteil ist richtig. ­Verbraucher kennen die Kombinationen aus Buchstaben und Pluszeichen seit langem Kühlschränken oder Fernsehern. Transparent und leicht verständlich wird ihnen vermittelt, wie effizient das jeweilige Produkt die zugeführte Energie nutzt. Die novellierte Energieeinsparverordnung (EnEV) überträgt diese bewährte Klassifizierung nun auf Immobilien – und lässt dabei eine entscheidende Tatsache außer Acht: Haushaltsgeräte verbrauchen ausschließlich Strom. Das macht zwei gleich große Kühlschränke mit unterschiedlicher Effizienzeinstufung vergleichbar. Man muss lediglich den ­Endenergieverbrauch zurate ziehen, um die Verbrauchskosten zu ermitteln. Ein Einfamilienhaus ­dagegen kann seinen Energiebedarf auf mannigfaltige ­Weise decken, etwa mit Strom, Gas, Bio­masse oder Heizöl. ­Diese Brennstoffe ­haben sehr unterschiedliche Preise pro Energieeinheit. Vom Endenergieverbrauch lässt sich deshalb nicht direkt auf die Verbrauchskosten schließen. Denn wer nicht weiß, womit eine Immobilie beheizt wird, kann schwerlich seine künftigen Ausgaben schätzen. „Energieeffizienz­klassen für Ge­bäude erscheinen nur auf den ersten Blick einfach und verbraucherfreundlich“, resümiert Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. „Bei näherem Hinsehen sind sie im Bereich Wohnen völlig ungeeignet.“

Transparenz gewollt, Intransparenz erreicht Ein Beispiel: In ­einer Siedlung stehen zwei Häuser mit jeweils 160 Quadratmetern Gesamtfläche zum Verkauf. Ihr energetischer Standard unterscheidet sich deutlich, beispielsweise was die Wärmedämmung anbelangt. Das energetisch schlechtere Haus wird mit einer elektrischen Wärmepumpe (Jahresarbeitszahl von 3) beheizt, die pro Jahr 93,75 Kilowattstunden pro Quadratmeter verbraucht, also insgesamt 15.000 Kilowattstunden Strom. Das andere, energetisch bessere Haus wird mit einer Öl-Brennwertheizung beheizt und benötigt ebenfalls 15.000 Kilowattstunden im Jahr. Das entspricht rund 1.500 Litern Heizöl. Nach der neuen EnEV fallen beide Häuser automatisch in die Effizienzklasse C, obwohl sie eine ganz unterschiedliche energetische Qualität aufweisen. Die Immobilienanzeigen für beide Häuser suggerieren potenziellen Käufern also, dass sie hier wie dort mit ähnlichen Energiekosten rechnen können. Dabei verursacht das mit Strom beheizte Gebäude deutlich höhere Kosten (vgl. Tabelle unten). Eine Umfrage von Stiebel Eltron stützt die Prognose, dass die Regelung falsche Hoffnungen weckt. Demnach erwarten 79 Prozent der Bundesbürger dank des neuen Energieausweises mehr Klarheit zu den Nebenkosten. Und gut drei Viertel sind überzeugt, dass die neue Pflichtangabe zur Energie-Effizienz von Gebäuden künftige Miet- oder Kaufmotive entscheidend beeinflussen wird.

Verbraucher in die Irre geführt
Überdies vermittelt die Effizienzklasse auf Basis des Endenergieverbrauchs dem Verbraucher mitunter ein falsches Bild über den energetischen Standard des Gebäudes. Obwohl in den Beispielhäusern der jährliche Energieverbrauch gleich ist, hat das mit Strom-Wärmepumpe beheizte, energetisch minderwertige Haus einen Jahresheizwärmebedarf von 45.000 Kilowattstunden. Bei dem ölbeheizten, energetisch hochwertigeren Haus beträgt der Heizwärmebedarf nur 14.700 Kilowattstunden. Dieser gravierende Unterschied lässt sich anhand der ausgewiesenen Effizienzklasse bzw. des Endenergieverbrauchs nicht erkennen. Denn aus den pro Jahr verbrauchten 15.000 Kilowattstunden Endenergie erzeugt die Wärmpumpe (bei einer Jahresarbeitszahl von 3) 45.000 Kilowattstunden, das Öl-Brennwertgerät mit einem Wirkungsgrad von 98 Prozent liefert 14.700 Kilowattstunden, um den Wärmebedarf des Gebäudes zu decken. Es ist also durchaus denkbar, dass sich bei zwei Gebäuden gleicher Größe und Effizienzklasse die Energiekosten bei gleichem Nutzerverhalten um bis zu Faktor 5 unterscheiden.
Für Verbraucher nicht nachvollziehbar: Effizienzklassen im Neubau
Auch bei der Einstufung von neuen Gebäuden mit unterschiedlichen Heizsystemen, die die Anforderungen der geltenden EnEV erfüllen (Primärenergiebedarf und Mindestwärmeschutz), führen die Effizienzklassen auf Basis des Endenergiebedarfs zu paradoxen Ergebnissen. So erhalten Neubauten gleicher Bauform und mit gleicher Nutzfläche die Effizienzklasse A+, wenn sie mit einer durchschnittlichen Luft-Wasser-Wärmepumpe beheizt werden. Werden die gleichen Häuser mit einer Kombination aus Brennwertheizkessel (Öl oder Gas) und Solaranlage zur Warmwassererzeugung beheizt, reicht das nur für die Effizienzklasse B. Erfolgt die Wärmeversorgung durch eine Pelletheizung, weist der Energieausweis aufgrund des höheren Endenergiebedarfs die Effizienzklasse D aus. Und alle drei Gebäude erfüllen die aktuellen energetischen Anforderungen an Neubauten. Das ist nicht vermittelbar.
Dieser Sachverhalt und seine negativen Auswirkungen in der Praxis sind offenbar noch nicht von allen Expertenkreisen erkannt worden. Das belegen zumindest die wenigen kritischen Stellungnahmen von Interessenvertretern aus den Bereichen Immobilien- und Bauwirtschaft sowie der Heizgeräteindustrie. Dem Bauherrn ist nicht vermittelbar, warum sein neues, gut gedämmtes Eigenheim mit Pelletheizung ein D erhält, das alte Nachbarhaus mit Wärmepumpe dagegen die Effizienzklasse C oder B. Es wird höchste Zeit, dass die Politik den gravierenden Fehler, den die EnEVNovellierung in Sachen Effizienzklassen aufweist, schnellstens behebt. Andernfalls wird das im Grunde sinnvolle – weil vom Verbraucher gelernte – System der Effizienzklassen dauerhaft diskreditiert.

 

 

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