Architektur & Skulptur – die Grenzen zwischen Architektur und Kunstwerk

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Der österreichische Architekt Adolf Loos, bekannt für seine Streitschrift „Ornament und Verbrechen“, postulierte einmal: „Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede vom Kunstwerk, das niemanden zu gefallen hat. Das Kunstwerk ist eine Privatangelegenheit des Künstlers. Das Haus ist es nicht. Das Kunstwerk wird in die Welt gesetzt, ohne daß ein Bedürfnis dafür vorhanden wäre. Das Haus deckt ein Bedürfnis. Das Kunstwerk ist niemandem verantwortlich. Das Haus einem jeden. Das Kunstwerk will die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit reißen. Das Haus hat der Bequemlichkeit zu dienen. Das Kunstwerk ist revolutionär, das Haus konservativ…..“

Vom Grundsatz her ist der trennscharfen Unterscheidung zwischen Kunstwerk und Bauwerk durchaus zu folgen, die Implikation der absoluten Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst lässt sich in letzter Konsequenz nicht auf die Architektur übertragen.

Wie sieht es nun detaillierter mit Skulptur versus Architektur aus? Ist eine Grenze zwischen Architektur und Skulptur in diesem begrifflichen Sinne überhaupt als Barriere zu definieren, oder bereitet sich hier vielleicht ein Boden für individuelle ästhetische und kulturelle Gestaltungsräume?

Die Gestaltung des Raumes ist ein wesentliches Merkmal sowohl für die Architektur als auch für die Skulptur. Die Skulptur als Kunst im öffentlichen Raum zum Beispiel harmonisiert oder kontrastiert mit der Spezifität des Standortes, gleiches gilt für die Architektur.

Um mögliche Grenzen zwischen den Disziplinen Architektur und Skulptur herauszuarbeiten, bietet sich vielleicht daher zunächst ein Blick auf deren Überschneidungen bzw. Synthesen an.

Betritt man beispielsweise das Areal der Museumsinsel Hombroich bei Neuss im Rheinland, eröffnet sich den Sinnen des Besuchers eine äusserst gelungene Verbindung aus Kunst, Architektur und Natur. Das Museum Insel Hombroich versteht sich als offener Kulturraum, nicht statisch verharrend, sondern den Dialog zwischen den Disziplinen wünschend und fördernd. Die Voraussetzungen für das 1987 ins Leben gerufene Museumsprojekt ergaben sich aus der direkt an der Erft gelegenen, renaturierten Park- und Auenlandschaft, welche von dem Gartenarchitekten Bernhard Korte gestaltet wurde, und der Kunstsammlung des Gründers und Stifters Karl-Heinrich Müller.

Erweitert wurde das Museumsgelände 1994 auf der angrenzenden ehemaligen Raketenstation der NATO und mit dem dazwischenliegenden „Kirkeby-Feld“. Auf Letzterem realisierte der dänische Künstler Per Kirkeby mehrere skulpturale Ausstellungspavillons. Ebenso zeichnen Tadao Ando, Raimund Abraham, Oliver Kruse, Katsuhito Nishikawa, Alvaro Siza und insbesondere Erwin Heerich für die Bauten auf dem gesamten Gelände verantwortlich.

Heerich (1922-2004) gilt als einer der bedeutendsten Bildhauer seiner Zeit. Der Karton war sein bevorzugtes Material, mit dem er als Werkstoff für seine Plastiken experimentierte. Seine Formensprache leitete Heerich von Alltagsdingen ab: Bäume, Tiere, Stühle etc.. Immer in Bezug zum Architektonischen, nie in der Absicht nachzuahmen, schuf er zunehmend abstrahierte Plastiken, die Maß, Zahl und Proportion unterlagen. Je komplexer die Plastiken geometrisch strukturiert sind, umso mehr regen sie die sinnliche Erfahrung über die Grenzen der Rationalität hinaus an: „Die Dauer meines Vorhabens liegt nicht im Bereich des Gemachten, sondern des Gedachten.“

In Hombroich, wo er zudem viele Jahre sein Atelier betrieb, schuf Heerich, im Entwurf ausgehend von den einfachen Grundformen Quadrat, Kreis und Rechteck, zehn begehbare Skulpturen von zeitloser Ästhetik: Reduzierte Formensprache, eine schlichte Aussenhaut aus Klinkerwänden, innen dominiert die Farbe Weiß. Die Bauten korrespondieren in frappierender Selbstverständlichkeit mit der Natur und den Ausstellungsobjekten aus den verschiedensten Epochen der Kunstgeschichte. Jahrtausende alte Khmer-Skulpturen funktionieren in seinen Bauten ebenso wie zeitgenössische Malerei. Zwei der Gebäude, der „Turm“ (1987-1989) sowie der „Graubner-Pavillon“ (1983-1984) sind nicht bestückt. Hier besticht allein die Wirkung der perfekten Proportionen, des Lichteinfalls und der Dialog mit der umgebenden Landschaft, sowohl durch den Blick von außen auf die Plastiken als auch durch die Sichtachsen aus ihnen heraus.

Heerichs Werk ist beispielhaft für die bereits angesprochene Synthese aus Architektur und Skulptur. Dennoch, um auf die eingangs gestellten Frage nach den Grenzen zwischen Architektur und Kunstwerk zurückzukommen und diese sichtbar werden zu lassen: hier gestaltet der Künstler zwar Architekturen, doch sein Konzeption unterliegt klar künstlerischen Absichten, dies unter Verwendung architektonischer Ideale. Dem gemäße Ideale formuliert der Kunsthistoriker August Schmarsow (1853-1936) folgendermaßen: „Als Ideal schwebt immer die reine Form vor, wie sie sein soll, deren Gesetze die Raumwissenschaft ergründet, während die Raumkunst, die ihre Gestaltung in wirklichem Materiale durchführt, auch mit den Faktoren der natürlichen Umgebung, den physischen Gesetzen der Wirklichkeit sich abfinden muß. Aber in beiden waltet das Grundgesetz des Menschengeistes, kraft dessen er auch in der Außenwelt Ordnung sieht und Ordnung will.“ Der Mensch bevorzugt „die abstrakte Regelrichtigkeit der Linien, Flächen und Körper als charakteristisches Wirkungsmittel der Architektur… . Die Architektur ist also Raumgestalterin nach den Idealformen der menschlichen Raumanschauung.“

Festzuhalten ist, das es im wahrsten Sinne des Wortes Überschneidungs-Räume gibt, in dem sowohl Architektur als auch Skulptur als Einheit oder zumindest sich gegenseitig ergänzend zu verorten sind. Beide Disziplinen gestalten, nutzen, unterliegen einem bestimmten Raum, ergänzen, widersprechen sich, synthetisieren. Wie vehement oder teils nahezu ideologisch es hierbei zur Sache gehen kann, zeigt sich nicht zuletzt an lebhaften Diskussionen, wenn es um die Auswahl von Kunst für den öffentlichen Raum oder um die Realisierung progressiver Architekturkonzepte geht.

Um Architektur von Kunstwerk im Sinne von Skulptur zu unterscheiden, bedarf es der Frage nach der Intention des Entwurfs: Der Künstler schafft architektonische Skulpturen, der Architekt baut skulpturale Architektur.

Reduziert man diesen formalen Klärungsansatz auf die individuelle Wahrnehmung des Betrachters, kommt man vielleicht zum wesentlichsten Punkt und stimmt dem englischen Künstler und Bildhauer Tony Cragg zu: „At some point we’ve got to stop asking ourselves what is the meaning of everything, maybe it’s not so very important what it means. It’s probably more important what the sense of it is.. they are two very basic and different things.“

Autor: Claudia Bassier

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