Allgemeingut Fassade? Die Außenhaut als Reflektor des Umfeldes

Der Blick von der Elbe aus auf die Hamburger Hafencity eröffnet zweifelsohne ein Reichtum – ein ganzes Kaleidoskop an Formen, Farben, Strukturen. Ein bloßes Wirrwarr, so der Einwandkritischer Stimmen, in dem die Suche nach Tradition und Homogenität erfolglos bleibt? Tastet sich das Auge von Gesicht zu Gesicht der sich im Kern als quaderförmig artikulierenden Bauten, kristallisieren sich deren facettenreich gestaltete Fassaden tatsächlich als heterogene Elemente heraus, die jedoch genau aus diesem Grund den neu entstandenen Quartieren einen beispiellosen Ausdruck verleihen. Einerseits ist es ihre dem Gebäude spezifische Aussagenverleihende Ästhetik, andererseits dennoch ein sich im städtischen Gesamtbild vermittelndes lebendiges und vielschichtiges System, das Fassaden seit jeher innewohnt. Als Medium markieren sie das ‚Dazwischen’ – doch gehören sie nun Innen- oder Außenraum an?

„Das Haus hat allen zu gefallen.“ Was Adolf Loos bereits 1910 in seinem Aufsatz Architekturpostulierte, legitimiertauch heute noch den Diskurs um die Funktion von Fassaden, um die architektonische Sprache im Kontext eines übergreifenden urbanen Gefüges. In Verschränkung mit technologisch-funktionalen Aspekten, wie dem Schutz des Inneren vor klimatischen Einflüssen, Belichtung oder Belüftung, stehen bei solch einer Lesart vornehmlich ästhetische Charakteristika im Fokus. Schrieben traditionelle, von der Antike geprägte Theorien eine konstruktiv bedingte, hierarchisch konzipierte Ästhetik vor, in der tragende Wände und Pfeiler auch in der Front eine geschlossene Masse bildeten, lassen sich bereits im Barock vorsichtige Neuinterpretationen hinsichtlich dekorativer Dispositionen feststellen. So suchte beispielsweise Borromini durch Auflösung der strengen (Säulen-) Ordnung in der Fassadengestaltung den dahinter liegenden Räumen und deren Funktioneneine Projektionsfläche zu geben, um das Innere als Schaubild nach außen zu transponieren.Etwa zwei Jahrhunderte später versteht Loos das Haus dagegen als Gebrauchsgegenstand, dessen Hülle weniger ein von künstlerischer Hand geformtes Ornamentdarstelle, denn einer breiten öffentlichen Wahrnehmung Rechnung tragen soll – eine Ansicht, die das Äußere als Allgemeingut, das Innenliegende als schützenswerte ‚Privatangelegenheit’erachtet und den Betrachtungswinkel somit von außen nach innen definiert.Für jene Zeit als skandalös konnotiert bringt die von Strenge und Schmucklosigkeit dominierte Fassade des von Loos gestalteten Hauses (1909-11) für die Schneiderei Goldman &Salatsch am Wiener Michaelerplatz diese Ideen zum Ausdruck, die sich in der klassischen Moderne fortführen – und bis heute Gültigkeit besitzen. Förderten Skelettkonstruktionen die Loslösung der Gebäudehülle vom Tragwerk, traten oftmals großformatige Glasflächen als Curtain Walls an die Stelle von verputztem Mauerwerk oder Beton, gleichwohl die neueHaut funktional weiterhin klassische Anforderungen zu erfüllen hat. Dennoch, als Schnittstelle zwischen Innen- und Außenraum sind Fassaden auch für den das Bauwerk umschließenden öffentlichen Raum maßgebliche Gestaltungselemente: Während sie Gebäude und urbanes Umfeld kontextualisieren, ermöglichen sie eine Interaktion zwischen Gesellschaft und Gebautem, agieren – ob metaphorisch oder pragmatisch – als Reflektor, können aber gleichsam bewusst arrangierte Fragmentierungen im Stadtbildevozieren. Dies belegt der Blick auf den vom Büro Manuelle GautrandArchitecture geschaffenen Entwurf für die Umgestaltung des Alesia Kinos (2011-15). Im Herzen von Paris fügt sich der Gebäudeabschluss straßenseitig in die bestehende Fassadenlinie ein, doch kontrastiert er auf vielfältige Weise mit seinem Umfeld: Ähnlich vertikaler, an Filmstreifen erinnernde Bänder reihen sich Kassetten-Elemente, welche in Winkel zueinander stehend die Hülle reliefieren, empor. Mittels einer farbenreichen LED-Bespielung transformieren sie das Erscheinungsbild wiederum in überdimensionale Anzeigetafeln für das Kinoprogramm – mäandernd zwischen Sphären von Architektur und Kunst spiegeln sie somit die Gebäudewidmung, ebenso wie sie als Blickmagnet fungieren, umdurch eine multimediale Implementierung eine Synthese zwischen Ort und Rezipient herbeizuführen. Manifestiert sich die Erzeugung optischer Reize gerade im digitalen Zeitalter immer mehr als integraler Bestandteil neuartiger Fassadensysteme, so machte sich auch MVRDV das Spiel mit Licht, Farbeund Struktur für den Umbau des ChunghaBuilding (Seoul, 2013) zueigen. Durch einekurvige Außenwandführung entlang einer Straßenecke präsentiert sich keine der beiden Ansichtsseiten eindeutig als Hauptfront. Doch nicht nur aus formaler Sicht öffnet sich die kleine Shoppingmall für die Aufmerksamkeit der Passanten: Lässt die ausaufeinandergestapelten Quader unterschiedlichen Formates bestehende Fassade die Gliederung unregelmäßig und ungeordnet erscheinen, gelingt es mittels Hinterleuchtungdie Schaufenster zu isolieren und damit das Außen in die Tiefe der Innenräume zu transportieren. Ein intendierter Dialog, der nicht zuletzt monetäre Zwecke, nämlich der prominenten Bewerbung der Shops, befriedigen soll. Vorrangig zeigt sich also die Verwendung von Glas – auch losgelöst von digitalen Technologien oder der Kombination mit Stahl, wie siean mannigfach gebauten High-Tech-Konstruktionen zu sehen ist – als Medium, das durch sein hohes Maß an Transparenz und optischer Durchlässigkeit denprogrammatischen Austausch zwischen Innen und Außen begünstigt. Nahezu 6000 Glasbausteine bewirken an der Fassade desvom Büro Hiroshi Nakamuras kreierten Optical Glass House (Hiroshima, 2012) das Schwinden starrer Gebäudegrenzen, fördern das Spiel umIllusionen, Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit, indem die geschäftige japanische Stadt vor und der Garteninnerhalb der Hülle nicht nur durch ihr jeweils sichtbar gemachtes Gegenüber kontrastieren, sondern vielmehr in fließendem Übergang miteinander harmonieren. Eine Spiegelung, eine Fortführung, wenn nicht gar eine regelrecht magnetische Absorption des Außenraums manifestiert sich im Äußeren desCaixa Forumin Madrid von Herzog de Meuron (2008). Gestaltet von dem Gartenkünstler Patrick Blanc als 24 Meter hohe Green Wall, gänzlich berankt mit sattem Grün, spiegele diese, so Herzog, in vertikaler Dimension sowohl den gegenüberliegenden botanischen Garten als auchden von Bäumen gesäumtenPaseo del Prado wider. Ähnlich dynamische Gebäudehüllen, welche in verdichteten urbanen Umfeldern den Rekurs auf eine verloren geglaubte Natur zu visualisieren intendieren, präsentiert auch das jüngst fertiggestellte Hochhaus One Central Park der Ateliers Jean Nouvel (Sydney, 2014): Heimische Pflanzen hauchen der kalten und glatten Oberfläche aus Glas und Stahl neues Leben ein. Das natürliche Umfeld mit dem Baukörper zu einer Einheit verschmelzen zu lassen – und dies impliziert dieInterdependenz mit topografischen Dispositionen –, stellte sich für die Wiener Architekten Heri &Salli als programmatisch dar, als sie für das Projekt Office Off (2013) die Landschaft selbst in die Außenhaut des Bürohauses verwandelten. Fassaden sucht man an allen vier Seiten vergebens; lediglich ein hölzernes Außengerüst, in dessen geometrisches Raster der eigentliche, geschlosseneBaukörper hineingebaut zu sein scheint, deutet an, dass sich hierum die (unsichtbare) Haut zu spannen

habe. Deutlich wird dies ebenso mit Blick auf kubisch gestaltete, in Alucobond gefasste Fortführungen einiger Fensteröffnungen, die in balkonartiger Anmutung ihren Abschluss auf Ebene des Holzgerüstes finden. Zielt so das Eindringen der Landschaft in den Arbeitsraum tatsächlich auf das Evozieren einer lebendigen Arbeitslandschaft ab, stehen derartige soziale Faktoren bei djuhara + djuhara im Kontext der Wohnfunktion im Fokus: Das Wisnu&Ndari House (Bekasi/Indonesien, 2008), als zeitgenössische Interpretation der traditionellen

RumahPanggung-Häuser, sollte trotz begrenzter Grundstücksfläche und restriktivem Etat zu einem komfortabel bewohnbaren Resultat führen: Verkleidet mit recycelten Holzpaneelen lässt sich eine über die gesamte Gebäudehöhe erstreckende Vorhangfassade in Teilen oder gänzlich beiseite schieben, um das Haus zu öffnen und es mit dem Außenraum zu verbinden. Spielt die Inszenierung von Sichtbezügen bei der Gestaltung von Fassaden eine wesentliche Rolle, gelingt dies ebenso durch eine bewusst intendierte Opazität von Gebäudehüllen. Innerhalb der zweischaligen Fassade, nach dem Closed-Cavity-Prinzip,des von WielArets realisierten Allianz-Hauptquartiers (Wallisellen/Schweiz, 2014) schenken integrierte, reflektierende und bewegliche Aluminiumvorhänge einerseits dem Hochhauskomplex das stringent wirkende Erscheinungsbild der Glasfassade. Doch verschleiern jene Vorhänge andererseits das Innere,insofernsie im Auge des Betrachters ein die Monotonie konterkarierendes, nahezu wohnliches Gesicht des Bauwerks evozieren. Lässt sich zwar im Hinblick auf die Düsseldorfer Gehry-Bauten(1999) keineswegs von einheitlichen oder gar monotonen Häuten sprechen, gelten jene spiegelähnlichen Dispositionen in variierter Form für das mittlere der drei skulptural anmutenden Gebäude. Die vonsilbern glänzenden Edelstahlblechen besetzte Oberfläche des gewellten Baukörpers reflektiert nicht nur ihre beiden Nachbarbauten und stellt das ungleich erscheinende Ensemble in einen plausiblen Zusammenhang, sondern nimmt den gesamten Medienhafen in sich auf: Umgebung und Betrachter werden unmittelbar zum Teil der Architektur – schließlich eine der wichtigsten Funktionen von Fassaden, nämlich der Identifikation mit dem Gebäude.

Wenn also das Außen zur Haut wird, müssen Gebäude im Sinne Loos’ nicht zwangsläufig einer breiten Allgemeinheit ästhetische Genügsamkeit verschaffen. Dennoch sind die Gesichter zeitgenössischer Bauwerke– gerade in ihrer Diversität – stets ein Spiegel eines lebendigen gesellschaftlichen Umfelds. Mit dem Fortschreiten neuer technologischer Möglichkeiten eröffnet sich für Architekten wie Stadtplaner der heutigen Zeit ein facettenreiches Spektrum, das im Sinne neuartiger Entwürfe auf kreative Weise ausgeschöpft werden will, um – wie die Hamburger Hafencity beweist – inmitten eines urbanen Gefüges auch das Dazwischen weiterhin mit Leben zu füllen.
Autorin: Laura Stillers, B.A.

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