Arbeits(t)raum. Das Büro der Zukunft

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„Lichtdurchflutete Büroeinheit mit separatem Eingang in Gemeinschaftsbüro zu vermieten. Die Bürogemeinschaft ist im Bereich Werbung, Produktion und Architektur tätig und sucht Zuwachs, gerne auch in einem branchennahen Bereich.“ Willkommen im Trend, genauer gesagt, im Coworking Space. Anzeigen dieser Art lassen sich zunehmend nicht nur in den Städten der Republik – hier gesehen in Düsseldorf – sondern auch in strukturschwächeren Regionen finden. Einen guten deutschlandweiten Überblick bietet die Internetseite www.coworking.de.

Coworking versteht sich als Alternative zu Homeoffices oder eigenen Geschäftsräumen.
Insbesondere Kreative, Freiberufler, Entwickler, Tüftler oder kleinere Start-Ups profitieren von den Perpektiven, die Gemeinschaftsbüros oder -werkstätten bieten.

Im Zuge der Entwicklung neuer Arbeitsfelder und -anforderungen, einhergehend mit modernsten kommunikations- und informationstechnologischen Möglichkeiten, verändern sich Arbeitsorte und Beschäftigungsstrukturen. Neue Formen der Selbstständigkeit entstehen.

In Berlin beispielsweise wird ca. alle 20 Stunden ein neues Start-Up ins Leben gerufen. Problem: Möglicherweise eine ausgesprochen gute Idee für ein Geschäftmodell, aber wie finanzieren? Hier sind wir sogleich bei einem der wesentlichen Argumente für die Büroform Coworking, nämlich eine deutliche Senkung und zuverlässige Kalkulierbarkeit der Fixkosten.

Dass das Leben für Existenzgründer kein Ponyhof ist, stellt auch das Berliner Konzept „St.Oberholz“ fest, und bietet zusätzlich zum „Ko-Working“ auch Gastwohnungen, Gaststätte und Verlag als Rundumversorgung für den neuzeitlichen Arbeitsnomaden an.

Ein Coworking Angebot beinhaltet im Regelfall zeitlich flexiblen Zugang zum Arbeitsplatz, bzw. in Absprache mit den jeweiligen Coworkern, Postservices, die obligatorische Büroausstattung wie Drucker, Telefone, Monitore etc., W-LAN Zugang, und einen repräsentativen Konferenzraum.

Wer selbst Hand anlegen möchte, und dem die klassische Büroausstattung nicht ausreicht, dürfte sich beispielsweise in Projekten wie dem GarageLab – FabLab Düsseldorf e.V. gut aufgehoben fühlen. Der Verein unterhält seine communitybasierte Werkstatt im Coworking Space GARAGEBILK und kombiniert Handwerk, digitale Produktion und Elektronik. Neben dem Basteln und Experimentieren im Sinne des Do-It-Yourself-Gedankens, fokussiert das Projekt auch hochtechnologischen Verfahren, dem 3D Print und Rapid Prototyping, zu deutsch: dem schnellen Modellbau.

Rapid Prototyping bedeutet, dass in digitaler Form vorliegende Werkstücke überarbeitet und reproduziert werden können. Die dreidimensionale Umsetzung geschieht z.B. mithilfe des Fused Deposition Modeling (FDM). Bei diesem Verfahren wird Kunststoff erhitzt, dieser verflüssigt sich und dann wird ein Bauteil schichtweise mit der geschmolzenen Masse aufgebaut. Es erhält die gewünschte Festigkeit nach der Abkühlung.

FabLabs im Allgemeinen verstehen sich als offene Werkstätten, die allen Interessierten, unabhängig von Vorkenntnissen oder Herkunft, den Zugang zu Hochtechnologien ermöglichen wollen. 2002 wurde das erste FabLab Labor von dem amerikanischen Physiker und Informatiker Neil A. Gershenfeld am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegründet und die Bewegung breitet sich seither global aus. Privatpersonen oder Arbeitsgruppen werden modernste industrielle Produktionsverfahren für individuellen Einzelanfertigungen, Prototypen oder Kleinserien von Bauteilen zur Verfügung gestellt und ihre Handhabung vermittelt. Zum computergesteuerten Maschinenrepertoire zählen neben den bereits zuvor angesprochenen 3D Druckern und dem Rapid Prototyping beispielsweise auch CNC-Maschinen oder Laser-Cutter.

Kostenkontrolle und Zugang zu neuen Technologien sind wichtige Elemente für den sich abzeichnenden Trendfaktor des Coworking. Doch dies sind nicht die einzigen Standbeine. Gleich auf der ersten Seite der Homepage der GARAGEBILK bringt man es auf den Punkt: „Professionelle Arbeitsplätze gibt es bei uns natürlich. Viel wichtiger aber sind die unbezahlbaren Kontakte, die gemeinsamen Veranstaltungen und Projekte, die Gespräche zwischendurch, die Zusammenarbeit ohne Hierarchien, das tägliche Zusammentreffen von Ideen mit Unternehmern – Wir nennen es Zukunft der Arbeit!“

Zum einen offeriert Coworking ein Maximum an Freiheit und Flexibilität in Abwesenheit von festgelegten Hierarchien, man kann „sein eigenes Ding machen“, Ideen und sich selbst verwirklichen. Trotz geringem Startkapital und mit unsicherer Auftragslage in der Anfangsphase. Zum anderen bedeutet dies allerdings gleichermaßen ein Höchstmaß an Engagement und Eigenverantwortung, um in der Sache erfolgreich zu sein.

Umso wichtiger scheint es zu sein, sich mit Gleichgesinnten austauschen zu können. Das Büro wird zum Ort professioneller Kommunikation in lockerer Atmosphäre. Halb privat und halb öffentlich. Es herrscht teils hohe Fluktuation unter den Mitgliedern solcher Arbeitsgemeinschaften, nichts ist statisch, Wechsel und Veränderungen ermöglichen neue Impulse und Kontakte. Hierbei zählen nicht nur die fachlichen Kompetenzen, von denen die Coworker gegenseitig profitieren können, sondern sie ziehen ebenso Nutzen aus der wechselseitigen Anerkennung der eigenen Arbeit und Fähigkeiten, kurz, sie erfahren soziale Bestätigung. Durch die Synergieeffekte entstehen zudem nicht allein Arbeits- sondern auch Kulturräume.

Ist dies nun nicht nur der Arbeitsraum, sondern tatsächlich auch der Arbeitstraum der Zukunft? Ein Königsweg, um modernen Arbeitsanforderungen und Bedürfnissen gerecht zu werden ? Im Kontext neuer, zunehmend globalisierter Arbeitsformen scheint Coworking zumindest den Bedürfnissen vieler Kreativer und Freiberufler durchaus gerecht zu werden.

Aus soziologischer Perspektive spricht man von dem Phänomen der „Entgrenzung der Arbeit“. Damit gemeint ist eine fortschreitende Auflösung zeitlich, sachlicher sowie räumlicher Strukturen betrieblich organisierter Arbeit. Flexibilisierung und Subjektivierung von Arbeit sind hier weitere Stichworte. Kritisch zu bemerken ist, dass Flexibilität, einhergehend mit maximaler individueller Freiheit, auch zwangsläufig massive Unsicherheiten mit sich bringen kann. Berufliche, finanzielle und private Planung wird komplexer, schwieriger oder gar mittel- bis langfristig betrachtet, unmöglich. Die Betonung des Gemeinschaftssinnes der Coworking-Community wirkt dem zumindest ideell entgegen. Inwieweit sich dies in der Praxis bestätigt, wird die Zukunft zeigen.

 

 

 

 

 

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