Architektenportrait Toyo Ito

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Wie Toyo Ito zur Architektur kam? Er antwortete auf diese Frage: „Ich habe zuerst die Aufnahmeprüfung für Literatur an der Universität Tokyo gemacht, bin aber durchgefallen, daraufhin dachte ich über das Studium des Bauingenieurwesens nach und erst dann bin ich zur Architektur gekommen. Wichtiger war mir gewesen, dass ich an der Universität Baseball spielen konnte.“

Dass er mit seiner ein wenig zufällig anmutenden Berufswahl goldrichtig lag, würdigte am 29. Mai 2013 auch das Pritzker-Preis Komitee und adelte den Japaner mit der höchsten Auszeichnung der architektonischen Fachwelt. Der Name Toyo Ito steht in diesem Jahr am Ende einer illustren internationalen Liste ausgezeichneter Architekten: Norman Foster, Peter Zumthor, Tadao Ando, Zaha Hadid…um nur einige zu nennen.

Während eines Praktikums im Büro Kiyonori Kikutake Architects and Associates empfand der 1941 in Seoul geborene Japaner erstmals echtes Interesse für die Architektur und schrieb sich 1961 im Fachbereich Architektur an der Universität Tokyo ein.

Das Studium schloss Toyo Ito 1965 als Jahrgangsbester ab und setzte seine Arbeit im Büro Kikutake bis 1969 fort. Eigenen Angaben zufolge arbeitete er dort so viel wie nie zuvor und nie wieder danach in seinem Leben – vor allem an großen Wohnbauprojekten.

1971 gründete Toyo Ito sein erstes Architekturbüro unter dem Namen Urban Robot (URBOT) in Tokyo. Der Name zielte auf eine Symbiose aus Technik und Architektur ab. Es entstand das „Aluminium House“, ein Wohnhaus für die Familie seiner ältesten Schwester mit Anlehnung an die traditionelle japanische Architektur durch ein großes Holzskelett und steile Treppen. Die Tradition brachen allerdings die mit Aluminium verkleidete Aussenwände. Experimentierfreude und ungewöhnliche Ideen erwiesen sich im weiteren Verlauf seiner Karriere als Markenzeichen.

1976 baute Toyo Ito für seine zweite, soeben verwitwete, Schwester das „White U“, von ihm auch „Garden of the Lights“ genannt. Ein Versuch, Architektur als Garten umzusetzen. Ito entwarf einen „Lichtgarten“ zwischen 2 U-förmigen Betonwänden. Aufgrund des einfallenden Lichts entstand durch obere und seitliche Öffnungen im Raum ein schneeweißer Zylinder – im Tagesverlauf ein vielfältig- und farbig projeziertes Lichtspiel. „Projektionen aus Licht machen die Dekoration des Raumes mit Bildern unnötig. Das ist eine Auffassung, die man von einem Architekten wie mir, der Architektur nur in Formen wahrnimmt, erwarten kann.“ Das Leben im Inneren des „White U“ wurde durch Schwere des nach außen hin nahezu fensterlosen Betons von der Umgebung abgeschottet, geschützt.

1979 änderte Toyo Ito den Namen des Büros in „Toyo Ito & Associates, Architects. Drei Jahre später begann er mit der Planung seines eigenen Wohnhauses, dem „Silver Hut“. Dieser Entwurf kontrastierte im Vergleich zum „White U“ mit Offenheit und leichter Materialität. Anstelle von Beton wurde Stahl- und Aluminiumblech verwendet und eine leichte Dachhaut konstruiert. Auch hier wurde das Thema Licht nicht vernachlässigt. „Ich habe angefangen, eine Architektur zu entwerfen, die mit Elementen der Natur, zum Beispiel Licht und Wind, umgeht und sie kontrolliert. Das Projekt, bei dem ich diesen Gedanken zum ersten Mal verwirklicht habe, war mein eigenes Wohnhaus.“ Hier wird die Dynamik deutlich, mit der Toyo Ito seine Architektur den Umgebungsverhältnissen und Bedürfnissen der Bewohner anpasst. Seine Entwürfe folgen den Unterschieden, nehmen sie auf und verwandeln sie in individuelle, adäquate Architektur. Für den Entwurf des „Silver Hut“ erhielt Ito den Preis des Architectural Institute of Japan.

Es folgte ein Vielzahl an realisierten Entwürfen für die unterschiedlichsten Lebensbereiche: Der „Turm der Winde“ in Yokohama (1986), auf der Insel Kyushu das städtische Museum (1989-91), ein Altersheim (1992-94), und eine Feuerwehrstation (1992-95) sind nur einige Beispiele hierzu. Toyo Itos Architektur fand zunächst überwiegend in Japan statt, internationaler baute er erst ab der Jahrtausendwende. In Deutschland entstanden bereits in der 1990er Jahren Bauwerke nach seinem Entwurf. 1991 war er für das Lichtdesign der Frankfurter Oper verantwortlich. 1993 wurde ein öffentlicher Kindergarten in Eckenheim fertiggestellt. Im Rahmen der EXPO 2000 in Hannover erstellte er den „Health Futures“ Pavillion.

Es folgten weitere Projekte in Europa und Asien: Das „Aluminium Brick House“ in Groningen (2005) mit einer holzrahmenverkleidenden Aluminiumstruktur, „VivoCity“ in Singapur (2006) – eine Konstruktion aus bewehrtem Beton und teilweise mit Stahlrahmen konzipiert, sowie das „Hospital Cognaqc-Jay“ in Paris und das „Stadium für die World Games“ in Taiwan, ebenfalls eine Stahlrahmenkonstruktion mit bewehrtem Beton (2009).

Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählt laut eigener Aussage die 2001 im japanischen Sendai fertiggestellte „Mediathek“. Im Wesentlichen ist die Mediathek Kunstgalerie und Bibliothek. Doch sie unterscheide sich auf viele Arten von konventionellen öffentlichen Gebäuden. Der Gedanke war feste Barrieren zwischen den verschiedenen Medien zu entfernen. Eine einfache, offene Struktur spiegelt diese Idee wider. Flache Betonplatten in Wabenstruktur werden mit 13 Rohren durchdrungen, die Wände auf jeder Etage auf eine Minimum reduziert – diese eigenwillige Konstruktion zeichnet sich durch hohe Stabilität aus und hielt dem großen Erdbeben 2011 stand. Die unterschiedlichen Funktionsbereiche des Gebäudes können frei auf den offenen Arealen verteilt werden. Mit der Mediathek setzt Toyo Ito erneut einen Grundgedanken seines architektonischen Schaffens um: “Architecture is bound by various social constraints. I have been designing architecture bearing in mind that it would be possible to realize more comfortable spaces if we are freed from all the restrictions even for a little bit.“

2011 eröffnete in Imabari, auf der japanischen Insel Omishima das von ihm selbst entworfene „Toyo Ito Architekturmuseum“. Es besitzt die Form eines Schiffdecks und ist als dreidimensionales graphisches Objekt aufgebaut, in dem mehrere Ebenen aus Stahlplatten konstruiert wurden. Auch im Inneren sind schräge Wände mit unterschiedlichen Winkeln vorzufinden. Trotz – oder gerade aufgrund der starken graphischen Akzentuierung und der massiven stahlbetonten Ausführung – fügt sich der Bau als ästhetisches Statement in die Insellandschaft ein. Der Bau ist der erste in Japan, mit dem sich ein Architekt selbst ein Denkmal gesetzt hat. Ausgerechnet die Form eines Schiffsdecks zu wählen um eine Insel zu bebauen, zeugt erneut von Toyo Itos Fähigkeit, den Charakter eines Standortes zu erkennen und zu wahren.

Damit ist dem Tenor der Pritzker-Preis Jury zu folgen. Sie begründet ihre aktuelle Wahl damit, dass „ Toyo Ito im Laufe seiner Karriere in der Lage gewesen sei, ein Werk zu produzieren, das konzeptionelle Innovation mit hervorragend ausgeführten Gebäuden kombinierte. Er erstellte über 40 Jahre lang herausragende Architektur, Bibliotheken, Häuser, Parks, Theater, Bürogebäude, Pavillons. Jedes Mal versuchte er die Möglichkeiten von Architektur auszudehnen. Dies mit einem einzigartigen professionellen Talent, die Chancen eines jedes Auftrags und jedes Ortes wahrzunehmen und auszuloten.“
Toyo Itos Reaktion: “Wenn ein Bau fertig ist, werden mir jedenfalls schmerzhaft meine eigenen Unzulänglichkeiten bewusst, und das wird in Energie umgewandelt, um mich dem nächsten Projekt zu stellen”.

Kritiker könnten Ito Stillosigkeit vorwerfen, doch auf die Frage, ob Stillosigkeit gar sein Stil sei, antwortete der Architekt: „ Wenn ich es schaffen könnte, stillos zu bleiben, fände ich das am Besten. Was mir zuwider wäre, wäre die Vorstellung von mir, selbst als eines Fertigen, Vollkommenen, am Ende des Weges Angekommenen. Ich möchte immer wieder einen anderen Weg versuchen.“

Genau das ist es, was Toyo Itos Architektur so bemerkenswert macht – die Freiheit, sich natürlichen und menschlichen Aspekten zu öffnen, ihre Heterogenität anzuerkennen und daraus Lebensräume zu schaffen. Der Weg als der Weg und nicht als das Ziel.

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