Ruinen als Chance

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Wer als Kind in Ruinen spielen durfte weiß, welche vielfältigen Möglichkeiten diese Zwischenräume der Kulturlandschaft darbieten.

Hierbei ist es unerheblich ob es sich um Bauruinen, Industriebrachen, alte Bunker oder die Reste eines alten Hauses handelt. Ruinen bieten Rückzugsräume, Orte an denen man die normative Atmosphäre der Gesellschaft hinter sich lassen und Dinge ausprobieren kann. Dampf ablassen, unter sich sein, ein Bierchen zischen und frei reden oder einfach nichts tun. Ruinen sind ambivalent: sie sind nutzlos und haben vielerlei Nutzen. Oft werden Ruinen heute als eine Art Zwischenzustand wahrgenommen. Eine Situation, die sich bessert sobald sich jemand findet, der aus der Lage was macht. Künstler heben mit Interventionen die Vakanz der Ausnutzung des Raumes hervor und regen an, etwas mit dem Ort zu machen. Üblicherweise nimmt sich dann jemand des Ortes an, rodet die wild gewachsene Vegetation, findet einen Nutzen für die verfallenen Räumlichkeiten und erhält Dinge, die das Wesen des Ortes ausmachen – weil Gefallen beziehungsweise Nutzen an ihnen gefunden wird, oder weil äußere Umstände zu einer Erhaltung zwingen. Dinge werden entsorgt oder aufgearbeitet und verkauft.

Durch Interpretation oder Reimagination des Vorgefundenen wird der Ort überformt, erhält ein neues Wesen oder wird durch Restauration seinem Ursprungszustand nahe gehalten.

Für Städte sind Brachflächen wichtige Wachstumsreserven. Alte Industrieruinen stellen mögliche Entwicklungsgebiete dar, die nach zumeist aufwändiger Sanierung als Konversionsflächen zu besonderen Wohnquartieren oder gut erschlossenen Gewerbegebieten deklariert werden können.
Die Dichte der Bebauung bietet hier meist die Chance, für das neue Quartier einen Charakter zu entwickeln, der durch die Vorgaben der Baunutzungsverordnung normalerweise nicht zu erreichen wäre.

Im ländlichen Raum sind Ruinen oft ein belastetes Stück Land, für das man nur schwer einen Nutzen finden kann. Die jeweilige Identität der Ruine spielt hier zumeist eine deutlich größere Rolle als in einem städtischen Kontext. Eine alte Papier-, Pulver- oder Schuhfabrik hat ihrer Heimatregion oft über Jahrzehnte ihren Stempel aufgedrückt. Im Rahmen der Neuanordnung der Warenkreisläufe und Veränderungen in Folge des Strukturwandels sind diese Gebäude und ihre Geschichten aus dem Wirtschaftsverkehr herausgefallen und oft nur unter erheblichem Aufwand wieder zu bewirtschaften. Gleichzeitig haben eben diese Orte oft einen eigenen, besonderen Charakter und eine Verflechtung mit ihrer Umgebung, die bedeutsamer ist als ein austauschbares Gewerbegebiet.

Aber auch für Tiere und Pflanzen sind Ruinen wichtige Refugien. Aufgelassene Gebäude verfallen und werden von verschiedenen Tier- und Pflanzenarten besiedelt, die wiederum die Ansiedlungsgrundlage für andere Tier- und Pflanzenarten bieten. Es entstehen Orte der Renaturierung geschützter oder bedrohter Arten innerhalb von Stadtgrenzen.

Diese Randbedingungen geben einer erneuten in Besitznahme und Nutzung ein enges Anforderungskorsett vor, für das sich eine Reihe von Herangehensweisen etabliert hat die notwendigerweise immer wieder kontrovers diskutiert werden:
Ein Wiederaufbau in der ursprünglichen Form und Bauweise gibt dem Betrachter eine Bausubstanz vor, die so nicht mehr existiert und die mit zeitgemäßen Baumethoden wahrscheinlich so nicht entstanden wäre.

Ein Neubau in historisierender Art, unter Zugrundelegung moderner Bedürfnisse, vermag zwar eine gewachsenen Umgebung vermeintlich bruchlos zu ergänzen, kann aber darüber hinwegtäuschen, dass Grundrisse und Gebäudefunktionen in dieser Form und Konstellation nicht aus dieser Umgebung erwachsen sein können.
Eine behutsam unterscheidende Instandsetzung täuscht zwar nicht über ihr Wesen hinweg, hebt aber den Zyklus des Verfalls auf und setzt ihn zu einem anderen Stand erneut in Gang.

Rodungen und bauliche Eingriffe verändern die Vielfalt von Flora und Fauna, die sich mittlerweile innerhalb der bröckelnden Mauern ein Refugium erschaffen haben. Neue Nutzungen am Ort wirken sich auf die wiederentstandene Artenvielfalt und die Wechselwirkungen zwischen dem Kultur- und Naturraum aus.
Eine mögliche andere Herangehensweise liegt darin, die Prozesse des Ortes selbst zum Thema zu machen und eine ständig rekurrierende Diskussion über Erhaltung führen zu müssen. Die Alte Völklinger Hütte ist ein solcher Ort.

1873 als Eisenwerk im saarländischen Völklingen gegründet und direkt am Bahnhof gelegen, wird die Hütte ab 1881 unter Carl Röchling sukzessiv zu Deutschlands größtem Eisenträgerhersteller aufgebaut. Um die nahebei vorhandenen, phosphathaltigen lothringischen Minette verwerten zu können, wird 1891 das Thomasverfahren eingeführt. Die Hütte wird in den Folgejahren um Koksbatterien und Gebläse ergänzt, die das Kochen von höherwertigen Stahlsorten ermöglichen. Ab 1913 wird der Neubau der Möllerhalle in Stahlbetonbauweise ausgeführt – für ein Gebäude mit Industriemaßen ein Novum. Ab 1928 wird das Areal um eine Sinteranlage ergänzt, die die Verwertung von Industrieabfällen wie Gichtstaub und Feinerz erlaubt. Bereits im Ersten Weltkrieg waren Zwangsarbeiter eingesetzt. Im Zweiten Weltkrieg wiederholt sich diese Praxis in erheblichem Umfang und unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Mitte der 1970er Jahre wird die Hütte von der Stahlkrise erfasst und schlussendlich 1986 stillgelegt. Hier könnte die Geschichte einer Region weitergeschrieben werden die versucht eine weitere Industriebrache mit hoch kontaminierten Böden zu kleinen Gewerbe- oder Wohngebieten umzuformen und die ein oder andere Halle als kulturellen Zweckbau zu sanieren. Doch es kommt anders: Im Jahr der Stilllegung wird der historische Teil der Anlage zum Industriedenkmal erklärt und unter Denkmalschutz gestellt. 1994 wird die Roheisenerzeugung in der alten Völklinger Hütte von der UNESCO zum Welterbe erklärt.

Zum ersten Mal wird hier ein Prozess als schützenswertes Gut deklariert der die zur Herstellung notwendigen Strukturen impliziert.

Für die alte Völklinger Hütte hat dies mehrere Folgen. Zum einen, die Notwendigkeit Folgenutzungen zu entwickeln, die den Prozess der Eisenherstellung illustrieren und dokumentieren. Eine Erhaltung der Anlage ist finanziell unvorstellbar. Deswegen bedient man sich eines dialogischen Prozesses. Das geschützte Areal wird für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Einen Schwerpunkt bilden hierbei Ausstellungen, die sich mit menschlichem Schaffen auseinandersetzen. Die Exponate stehen hierbei im Kontext zu den Prozessen der Eisenverhüttung und den dazu erforderlichen Räumen. Die Größe der Anlage mit etwa 7,46 Hektar (das gesamte Saarstahl-Areal umfasst etwa 260 ha) lässt herkömmliche denkmalpflegerische Ansätze nur bedingt zu und erfordert die eigene Vorgehensweise immer wieder, bis hin zum Umgang mit einzelnen Veranstaltungen, zu hinterfragen und neu zu denken. Denkmalpflege kann hierbei nicht als fixiertes Konzept gedacht werden, sondern muss immer wieder neu entwickelt werden.

Zum anderen wird ein weiterer Aspekt der Anlage entwickelt: Im Verlauf der vielfältigen Umbauten und der Stilllegung der Anlage ist eine Flora und Fauna am Ort angesiedelt, die in das Besuchskonzept mit integriert wird. Die Erschließung des weitläufigen Areals hat zur Folge, dass sowohl die Denkmalpflegenden als auch die Besucher sich mit der Natur auseinandersetzen müssen, die Stück für Stück Einzug hält. Dies war bereits im Hüttenbetrieb der Fall, wo durch teilweisen Umbau oder Stilllegung Bereiche aus der industriellen Nutzung herausgenommen wurden und verwilderten. Es entstand eine stetige Wechselwirkung zwischen verwildernden und bewirtschafteten Räumen. In diesem Sinne werden heute Teile des Areals begehbar gehalten oder dem Bewuchs ausgesetzt. Die Wege innerhalb des Areals führen den Besucher durch die verschiedenen Nutzungseinheiten. Hierbei entstehen wechselhaft Wahrnehmungen von innen und außen, oben und unten, nah und fern die den Besucher zwangsweise mit der Witterung und mit der Natur und dem Landschaftspanorama in Kontakt bringen. Wie die Natur sukzessiv Besitz von aufgelassenen Bereichen ergreift kann in zwölf thematischen Gartenräumen erlebt werden. Über Blickachsen werden Bezüge zu der gesamten Anlage geschaffen und ermuntern dazu, Teile der Anlage immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln und Situationen heraus neu zu betrachten.

In diesem Sinne kann man die Alte Völklinger Hütte als einen strategischen Ansatz ansehen, der das Ruinöse als eine Chance für die Zukunft sowohl in ländlichen als auch städtischen Räumen sieht.

Die Entscheidung für eine graduelle, über Jahrzehnte angelegte Nutzungsentwicklung erlaubt einen zielgerichteten Einsatz von Finanzmitteln und Arbeitseinsatz. Sie eröffnet ein Nebeneinander von ungenutzten und zweckgebundenen Räumen und vermag es, deren Wechselwirkungen zu verstärken.

Text:
Paul Mocanu

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