Vergleich der Bewertung von Baukunst mit anderen bildenden Künsten

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Versuch einer philosophischen Betrachtungsweise

Das Gemälde „Die Kerze“ von Gerhard Richter hat bei der letzten Auktion ca. 12 Millionen Euro eingebracht. Die reinen Materialkosten liegen schätzungsweise im dreistelligen Bereich. Wie sieht es im Gegenzug mit der Wertentwicklung eines millionenschweren Bauprojekts in Abhängigkeit zu seinem materiellem Verfall und den Tendenzen des Immobilienmarkts am Standort aus? Dieses Beispiel pointiert die Beziehungsdimension zwischen Mensch und zu bewertendem Gegenstand. Das  Wort  Gegenstand bezeichnet nicht nur Materielles, sondern alles, auf was sich das Bewusstsein richten kann. Dies kann ebenso ein Prozess, ein Ideal, ein Begriff von etwas sein. Die konkrete Geldwert ist ein erstes Indiz, wieviel Wert etwas für jemanden hat. Doch selbst wenn speziell der Kunstmarkt in dieser Beziehung teils absurde Blüten treibt, erschöpft sich die Bedeutung einer Sache nicht in ihrem finanziellen Äquivalent. Ein  Vergleich zwischen Baukunst und anderen  bildenden Künsten bedarf weiterer plausibler Kriterien, welche als Maßstab zur Bewertung angelegt werden können.
Eine philosophische Herangehensweise erfordert initial immer eine Klärung der Begriffe. Folglich stellen sich als erstes Fragen wie: Was ist Baukunst ? Ab wann oder kann man Architektur überhaupt als Kunst bezeichnen? Was ist eigentlich Kunst ? Diese wesentlichen Fragen können an dieser Stelle nicht in vollem Umfang unter Berücksichtigung  sämtlicher kunst- sowie architekturtheoretischer Kontroversen erläutert werden. Sie unterliegen in ihrer Bedeutung dem Wandel des Zeitgeistes im Verlauf  der Kunst- und Kulturgeschichte. Zum Thema können hier nur einzelne Aspekte herangezogen werden, um Unterschiede oder Gemeinsamkeiten festzustellen. Die Frage, was Kunst letztendlich IST, kann und muss zweifellos gestellt werden, allerdings kann sie nicht dogmatisch ein für alle Mal beantwortet werden. Dies würde das künstlerische Ideal von der Freiheit gegenwärtiger und zukünftiger kreativer Prozesse konterkarieren.
Der Gedanke an Baukunst ist immer mit Handwerk assoziiert. In Bezug auf Architektur bietet sich daher zunächst eine klassische Position an, die aristotelische Auffassung des Begriffs der „techné“, der Kunstfertigkeit, dem fachliches Können. Er zielt zum einen auf handwerkliches und zum anderen auf theoretisches und methodisch begründetes Können ab. Aristoteles unterscheidet zwischen herstellenden und gebrauchenden Künsten. Zu letzteren gehören die Fähigkeiten des Architekten. Sein Vorgehen entspringt „höheren Einsichten“, er begründet es theoretisch und richtet es zweckmässig und zielführend immer im  Hinblick auf das Hervorzubringende aus. Der Architekt  leitet den herstellenden Handwerker an. Dessen Tätigkeit fokussiert sich auf die Handhabung des geeigneten Werkzeuges und Materials, ist aber im Hinblick auf das Wesen des Hervorzubringenden selbst kunstlos. Die Begriff der Kunst bezieht sich auf das Hervorbringende, nicht auf das Handeln.
„Baukunst ist immer der räumliche Ausdruck geistiger Entscheidung“, postuliert Ludwig Mies van der Rohe 1928 und bringt so den aristotelischen Gedankengang neuzeitlich auf den Punkt. Des Weiteren definiert er Baukunst als raumgefassten Zeitwillen und den Zweck d.h die Funktion eines Bauwerks als seinen eigentlichen Sinn. Seine Architektur betont Logik, Ordnung und Funktionalität und bricht kategorisch mit historisierenden ästhetischen Traditionen. Die mathematischen Begrifflichkeiten zur Beschreibung  seiner Architektur deuten auf eine formvollendete Ästhetik hin. Eine Bewertung erfolgt über die Wahrnehmung von Zahl, Maß und Proportion, die man als systematisch oder  kategorisch bezeichnen kann. Etwas Wohlgeordnetes wird als elegant, angenehm oder vielleicht sogar als „richtig“ empfunden. Doch ästhetische Merkmale können zwar Bestandteile einer Kunsttheorie darstellen, sind selbst aber keine Kunst.
Kann Baukunst überhaupt künstlerische Ideale wie Freiheit oder  Authentizität, als Bauwerk oder auch an einem Bauwerk, im Sinne einer individuellen Kunstaussage, die den Architekten eindeutig als Künstler identifiziert, darstellen ? Als Beispiel gegen diese Auffassung könnte man die architektonische Postmoderne anführen. Sie bedient sich zwar gezielt sämtlicher ästhetischer Elemente, die eindeutig der Kunstgeschichte zugeordnet werden können. Kann aber ein Zitat aus der Antike in der Mitte der 1950er Jahre (Bau-)Kunst sein oder verliert es nicht eher auf seiner Zeitreise seinen Kontext in dem es Kunst war und transformiert zur Dekoration? Letzteres dürfte der Fall sein, denn der Wert einer antiken Säule liegt in ihrer Symbolkraft für die Zeit, in der sie erschaffen wurde. Ein Duplikat, das den Eingangsbereich einer neuzeitlichen Vorstadtvilla säumt, selbst wenn es  aus Gold nachgebaut wäre,  kann dies unter keinen Umständen leisten. Würde man dieser individuellen Symbolkraft und einzigartigen Verortung in Zeit und Umständen nicht Rechnung tragen, könnte man zumindest in der Theorie Gerhard Richters eingangs erwähntes Gemälde „Die Kerze“ materialgetreu kopieren und im Verkauf ebenfalls einen zweistelligen Millionenbetrag erzielen. Die Bedeutung des individuellen Moments künstlerischen Schaffens wäre damit ad absurdum geführt. Analog konstituiert die Historizität eines Bauwerks seinen Wert als Symbol für eine Epoche.
Es schliesst sich die Frage nach dem Selbstverständnis des Architekten im 21. Jahrhundert unter der Berücksichtung moderner Positionen zum Kunstbegriff an. Versteht er sich heute als Künstler, als Techniker, als Dienstleister ?
Der Architekt selbst muss weder Wände mauern noch ein Dach decken können, um seiner Idee Gestalt und Aussagekraft zu verleihen. Festzuhalten aber  ist, dass die Realisierung eines Kunstobjektes einem moderne Kunstbegriff zufolge, sich nicht nur auf das Ergebnis eines künstlerischen Prozesse, sondern auch auf den Prozess selbst beziehen kann. Kann sich diese Aufassung auch auf die kreative Entwurfsphase eines Architekten beziehen ? Als  realisiertes Beispiel eines authentischen künstlerischen Ausdrucks moderner Baukunst wären möglicherweise die zehn puristischen, skulptural anmutenden Gebäude, die Erwin Heerich für das Museum Insel Hombroich in Neuss entworfen hat. Acht der Gebäude beherbergen Kunstwerke aus verschiedensten Epochen, zwei Gebäude, der „Turm“ sowie der „Graubner-Pavillon“ sind nicht bestückt, sie funktionieren aus sich selbst heraus.
Des Weiteren ist  die Idee der „Kunst am Bau“ zu erwähnen, hierzu zählt beispielsweise die Arbeit „Tondo“ des Künstlers Martin Bruno Schmid am Instituts- und Bibliotheksgebäude der Hochschule Furtwangen. Dort wurde ein kreisrundes Stück Beton mit einem Durchmesser von zweieinhalb Metern aus einer tragenden Wand herausgesägt und verdreht wieder eingesetzt. Doch wie der Ausdruck „am Bau“ bereits nahelegt, ist die künstlerische Aussage dieser Idee zwar Bestandteil des Bauwerks, aber das Bauwerk selbst wird dadurch nicht zum Kunstobjekt.
Sowohl Kunst als auch Architektur unterliegen permanenten sozialen Wechselwirkungen. Architektur kann ohne Weiteres als Machtfaktor betrachtet werden. Lebensbedürfnissen wird durch das Bauen nicht nur entsprochen, sie werden auch geformt und verändern damit Gesellschaften. Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterscheid zur freien Kunst: Kunst unterliegt keinerlei Regeln. Sie wirkt selbst als Prinzip, unabhängig von Statik, Standort oder Lehre. Zusammenfassend würde ich daher, ausgehend von einem idealtypischen Kunstbegriff, in letzter Konsequenz zwischen Baukunst und anderen bildenden Künsten unterscheiden.

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