Lifestyle-Metropole Scottsdale:Der amerikanische Westen im Licht von Kunst, Kultur und Architektur

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Ein Meer von Farben – an schroffen Felsen bricht sich das warme Abendlicht. Meterhoch ragen Kakteen aus der planen Prärie empor. Eine virtuose Flora säumt das Bild des sonnenverwöhnten Arizonas. Einerseits. Den Kontrast, einen äußerst harmonischen, formt städtischer Raum. Eingebettet in die Kulisse, ihre Großzügigkeit in Proportion, Rhythmik, Gestalt, Form und Farbe reflektierend: Unendlich scheinen die breiten Straßen Scottsdales. „Die westlichste Stadt des Westens“– 20 Kilometer östlich der Haupstadt Phoenix pulsiert das bandartige urbane Gefüge im Herzen des US-amerikanischen Bundesstaates. Längst hat es sich zu einer Lifestyle-Metropole entwickelt, die Strahlkraft aus dem Hollywood der 1930er bis 1950er Jahre jedoch manifestiert sich bis heute als typisches Charakteristikum. Weit mehr als verdoppelt hat sich die Einwohnerzahl in den letzten vier Jahrzehnten. Heute leben hier etwa 250.000 Menschen. Seine ursprüngliche Identität hat Scottsdale trotz seiner Bedeutung als Wirtschaftsstandort nie verloren. 1894 als Farmer-Gemeinschaft gegründet, ist die Bewahrung der wilden Schönheit des Umlandes essentiell. Historische Sehenswürdigkeiten treffen hier auf zeitgenössische Ideen, traditionelles Lokalkolorit veschmilzt auf homogene Weise mit modernem Luxus. Eine Woche lang hat AFA-Chefredakteur Frank Pawlak Scottsdales Architektur, Kunst-, Kulturszene miterlebt.

Ein Start in medias res. Erste Station: Downtown, Schmelztiegel von Geschichte und Gegenwart. Viele kleine Viertel grenzen hier an einander und bilden die Bühne für Kunst und Kultur. Ein Hauch von Old West-Flair umweht die kreative Szenerie, die geprägt ist von Galerien. Von Bildender Kunst über native Reminiszenzen bis hin zu geologischen Exponaten – im nationalen Vergleich herrscht hier die höchste Dichte an Kunsteinrichtungen. Eine solche ist nahezu auch das Hotel Valley Ho. An der Ecke 69ste Straße und Main Streets ruht der quaderförmige Bau. Entstanden ist er unter der Hand des Architekten Edward Varney, eines Schülers von Frank Lloyd Wright. Errichtet in den 1950ern artikuliert sich nach Restaurierung (2002) wieder unübersehbar sein minimalistischer Stil. Ein klar rhythmisiertes Rasterskelett offenbart Transparenz: Raumhohe Fenster, verglaste Balkonbalustraden und dem Komplex vorgelagerte Bungaloweinheiten mit Flachdach schenken der klassisch-modernen Ikone majestätische Präsenz. Bing Crosby oder Zsa Zsa Gabor sind nur einige von vielen schillernden Persönlichkeiten auf einer Gästeliste, die an eine glanzvolle Zeit erinnert – und an die nach Wiedereröffnung (2005) mit 241 Zimmern, Spa und OH-Pool angeknüpft wird.

Nicht minder ist der Anspruch des hoteleigenen Restaurants ZuZu, in dessen Retro-Lounge der nächste Tag beginnt. Die architektonische Tour hinter die Kulissen des Mid-Century-Bauwerks stimmt inhaltlich auf das folgende Programm ein: Acht Kilometer entfernt liegt das Cattle Track Art Compound, in das Lokalexperte Ace Bailey entführt. Noch immer gilt die Künstlersiedlung als Geheimtipp, inmitten naturgeschützter Wüste reihen sich Lehmziegel-Häuschen entlang des Arizona-Kanals. Ein Ort, der es vermag, das Jetzt in die 1930er Jahre zurückzudatieren: Illustre Autoren, Tänzer oder Künstler wie Fritz Scholder, bekannt für Native American-Gemälde, lebten und arbeiteten hier, andere kamen wie Philip Curtis zeitweise. Bis heute sorgen Kunstschmiede, Fotografen oder Performance-Künstler für den Fortbestand dieser Ära und beziehen Besucher in ihre Werke ein.

Um den natürlichen Kontext und gemeinschaftliches Leben geht es auch bei dem Architekten Paolo Soleri, dessen einstiges Studio Cosanti im nahe gelegenen Paradise Valley zu besichtigen ist. Seit jeher verbindet Soleri und Arizona ein starkes Band: Nach einem Praktikum bei Wright siedelte Soleri 1956 von Norditalien nach Scottsdale über, wo heute eines seiner letzten Werke an ihn erinnert: Mehr als ein rein funktionales Element stellt die glänzende Fußgängerbrücke (1948-2008) in Schrägseilkonstruktion mit ihren zwei 20 Meter hohen Metallpylonen zwischen Downtown und Old Town eine Installation dar. Nahezu futuristisch mutet diese an, und das, obschon der Fokus Soleris sich auf die Nachahmung der Natur liegt. Zu sehen beispielsweise in den organisch geformten Dachwölbungen und Apsiden, den in Holz gearbeiteten, exotischen Mustern der Wände seines originalen und teils unter der Erde gebauten Earth House. Ein Kondensat aus den Visionen der Arcology-Bewegung (Kompositum aus „architecture“ und „ecology“), welche sich unter der Federführung von Soleri der experimentellen, nachhaltigen Stadtplanung widmete und deren Prinzipien er im Hinblick auf naturkonformes Bauen jenen Wrights entlehnte. Arcosanti war zunächst urbane Utopie für 5000 Städter, seit 1970 wird sie nördlich von Phoenix zu gebauter Realität. Nicht nur als Architekt und Professor hinterlässt Soleri im Studio Cosanti ein nicht unbeachtliches Erbe, das heute offiziell als historischer Ort Arizonas zählt. Mit seinen „Wind Bells“ schaffte er über 50 Jahre hinweg ein einzigartiges skulpturales Werk: Mittlerweile hat das Portfolio dieser aus Bronze und Aluminium gegossenen Glocken und Mobilés weltweites Renommée erlangt. Zurück in das vibrierende Leben des Scottsdaleschen Dowtown. Changierend zwischen Luxus und Bed and Breakfast, sucht Bespoke Inn seines Gleichen: Handwerkskunst steht nicht nur im erlesenen Interior Design oder am Infinity-Pool auf dem Dach im Vordergrund. Der Mehrwert sei das Angebot von Luxus-Fahrrad-Reisen auf originalen British Pashley City Bicycles, Verpflegung auf höchstem Niveau inklusive, erklärt Inhaberin Kathleen Hennan beim Dinner im hauseigenen Restaurant Virtù Honest Craft.

Ein Tag, der dem amerikanischen Westen gewidmet ist: In der unmittelbar an Downtown anschließenden Old Town. Bereits das Straßenbild verrät, dass hier „Western Spirit“ das Leben prägt: Hölzerne Fassaden verleihen die Anmut eines Cowboyfilm-Sets. Passende Artfakte beherbergt das Scottsdale’s Museum of West, das im Januar 2015 eröffnet hat. Fünf großzügige Galerien offenbaren nicht nur Retrospektiven auf die Zeit amerikanischen Pioniergeistes des Westens, sondern betrachten ebenso kulturelle Entwicklungen der Gegenwart. Weniger als Museum der Objekte, denn als eines der Ideen, möchte die Non-Profit-Einrichtung verstanden werden. Sie nimmt ihre Besucher mit auf eine interaktive Reise durch die Tradition des amerikanischen Westens, indem sie Chroniken von Lokalhelden nacherzählt und im Skulpturenpark den Blick für die Schönheit des Landes schärft. Auf den nahezu noch frischen Spuren der zeitgenössischen Kunst, führt der Weg ins Scottsdale Museum of Contemporary Art. Seit 1999 sind im rund 1720 qm großen Inneren des futuristischen Bauwerks Exponate und Sammlungen moderner Kunst, von Architektur und Design untergebracht. Das Äußere reflektiert somit die innere Programmatik: Gestaltet vom Architekten Will Bruder, verbergen sich vier Galerien und die multifunktionale Lounge unter der Hülle eines minimalistisch gestaltetenen ehemaligen Kinokomplexes. Umhüllt von perforiertem Metall auf westlicher Seite sowie verzinktem Stahl im Bereich fes geschwungenen Eingangs im Osten. Gekleidet in dezenten Glanz, ist es ein Spiel mit Reflexen, das bei dem abtrakt geformten Volumen im Vordergrund steht: Spiegelmembranen verkörpern dabei sowohl das materielle Erbe der Region als auch sich wandelnde Phänomene der Natur. So lädt auch der Desert Botanical Garden am Galvin Parkway zum Innehalten ein. Hier transformiert sich mit rund 50.000 Wüstenpflanzen die weltgrößte Sammlung in einen atemberaubenden Schauplatz für die derzeit gastierende Ausstellung Sonoran Light (bis 8.5.2016) Bruce Monros, welche bei Dunkelheit in einem Kaleidoskop aus Licht und Farbe kulminiert. Mittels acht großformatiger und detailgespickter Lichtshows visualisiert der britische Künstler seine Interpretation der Sonora-Wüste. Von jenem zwischen Natur und Technologie fluktuierenden Spektakel liegt der Übergang zu der nächsten Station nicht fern: Hier in der Wüste verbindet das We-Ko-Pa Resort & Conference Center indianische Einflüsse und Tradition mit den hohen Ansprüchen heutiger Zeit und charakteristischer Architektur. Erhaben bietet sich der Blick auf die majestätischen Four Peaks, die Red Mountains entlang des Verde-Flusses und gigantische, Jahrhunderte alte Saguaro-Kaketeen auf der Vorgebirgseben, welche sich gegen den dämmrigen Abendhimmel abzeichnen.

„The mission of an architect is to help people understand how to make life more beautiful. The world a better one for living in, and to give reason, rhyme and meaning to life.“ (Frank Lloyd Wright). Kaum ein Zufall, dass Frank Lloyd Wright, einer der ingeniösesten Architekten des 20. Jahrhunderts, gerade Arizona als Winterresidenz und Standort seiner Architekturschule wählte. Taliesin West, so der Name des heute noch zu besichtigenden Meisterwerks, das längst als National Historic Landmark unter Denkmalschutz steht. „Strahlende Augenbrauen“ lautet die Übersetzung des Namens aus dem Walisischen – und richtig, aus der Perspektive vom Fuße der McDowell Mountains betrachtet, lässt sich das flache, längliche Gebäude als Augenbraue der Berge imaginieren. Im Alter von 70 Jahren hatte Wright 65 Hektar Land gekauft und das Anwesen 1937 selbst entworfen: Einfach sollte es sein, primitiv und doch elegant. Doch bis zu Wrights Tod 1959 unterlag Taliesin West stets Modifikationen. Deutich ist noch heute der prägende Einfluss der Umgebung: Wüstensand und Stein aus trockenen Flussbetten als präferiertes Baumaterial. Organisch mutet die Formgebung an, spielerisch der Umgang mit Gestaltungselementen wie Wind oder Tageslicht, welches durch zeltähnliche Dächer das Innere erhellt – nahezu skulptural zeigt sich der Gesamteffekt. Begrüßt werden die Besucher gleich zu Beginn von Wrights beispiellosen Stil: Atrium sowie Büro stellen die ersten Räume einer komplexen Folge dar. Gedrungen, so der Eindruck von außen – und tatsächlich ist die tief liegende Struktur von starkem Betonmauerwerk umgeben, riesige Wüstensteine werden getragen von Tragbalken aus heimischem Redwood-Holz. Alles fungiert als Zeugnis für Wrights Fähigkeit, die einzigartige Stimmung der Landschaft festzuhalten und ihr ein gebautes Abbild zu schaffen. Das System von Wohnraum – der berühmte „Garden Room“ – und Schlafbereich hingegen eröffnet zwar Zugänge zu Wrights Verständnis von effizient konstruiertem Raum. Gemeinschaft, „Menschlichkeit“, „Eloquenz“ und Harmonie mit der Natur als weit wichtigeres Credo als Funktionalität finden wiederum Reflektionen in der Sammlung von Kunstwerken und Objekten – ebenso wie im Skulpturengarten: Die lyrischen Skulpturen von Heloise Crista, langjährige Künstlerin des Taliesin Festival of Music and Dance, verstehen als Ergänzung der Wrightschen Philosophie im Hinblick auf natürliche Bewegung und Ausgleich von Masse. Crista ist heute aktives Mitglied der Taliesin-Gemeinschaft.

Inspiriert von jener nahtlosen Verbindung zwischen Natur und Bauwerk, die sich als tief verwurzelt in Wrights Ideologie erweist, zeigt sich auch das Hyatt Regency Scottsdale Resort & Spa an der Gainey Ranch. Mit Palmen, Kakteen und wild wachsenden Blumen scheint die Landschaft sich behutsam um den Komplex geschlossen zu haben. Auch hier eine stringente Forsetzung der Symbiose aus Architektur und (internationaler) Kunst. Im hotelinternen Spa Avania werden Kraft und Gelassenheit der Wüstenlandschaft – etwa durch mildes Licht oder mineralisches Wasser – für holistische Gesundheitserlebnisse genutzt, wie Ann Lane, Senior Director of Advertising and Public Relations, zu vermitteln weiß.

Technik und Spannung dagegen dominieren die letzten beiden Reisetage in Scottsdale: Die Barrett-Jackson Collector Car Auction, welche als relevanter Termin für Automobilliebhaber gilt. Traditionell im Januar findet acht Tage lang die weltgrößte Autoauktion statt, bereits seit 1971 hat diese sich zur festen Instanz für Classic Cars und Oldtimer etabliert. Daneben zählen Motorräder, Boote, Lastwagen und Flugzeuge zum Inventar der begleitenden Ausstellungen. Mehr als 1000 Fahrzeuge, wechselten in diesem Jahr im Veranstaltungszentrum Westworld ihre Besitzer. Schätzungen zufolge mehrere Millionen Dollar bildeten dieses Jahr die Rekordsumme für den Lincoln Futura 1955 – dem Batmobil aus dem Film “Batman” mit Adam West.

Scottsdale, Arizona, einst feine Flucht für Hollywoodgrößen, hat sich längst von seinem Entertainment-Image emanzipiert und spielt in der Liga gehobener Stadtkultur. Mit mehr als 70 Hotels und Resorts, unzähligen kulinarischen Highlights, Spas und Sport, Konferenzzentren und blühendem Tourismus mit jährlich über sieben Millionen Besuchern gilt die Stadt als Publikumsmagnet. Nicht verwunderlich, dass Scottsdale bereits 1993 von amerikanischen Bürgermeistern zur lebenswertesten Stadt der USA gewählt worden ist. Nun erlebt die Metropole im amerikanischen Westen ihre Renaissance.

Autorin: Laura Stillers

Reisestationen:

Hotel Valley Ho
6850 E. Main Street, Scottsdale, AZ 85251
www.HotelValleyHo.com

Tour Cosanti
6433 Doubletree Ranch Rd., Scottsdale, AZ 85253
www.cosanti.com

Cafe & Bicycles 3701 N. Marshall Way, Scottsdale, AZ 85251
www.bespokeinn.com

Honest Craft at Bespoke Inn
3701 N. Marshall Way, Scottsdale, AZ 85251
www.virtuscottsdale.com

Scottsdale’s Museum of the West
3830 N. Marshall Way, Scottsdale, AZ 85251
www.scottsdalemuseumwest.org

Scottsdale Museum of Contemporary Art
7374 East Second Street, Scottsdale, AZ 85251
www.smoca.org

We-Ko-Pa Resort & Conference Center
10438 N. Fort McDowell Road Fountain Hills, AZ 85264
www.wekoparesort.com

Desert Botanical Garden and Bruce Munro: Sonoran Light
1201 N. Galvin Parkway, Phoenix, AZ 85008
www.dbg.org/

Frank Lloyd Wright’s Taliesin West
12621 N. Frank Lloyd Wright Blvd., Scottsdale, AZ 85261
www.franklloydwright.org

Hyatt Regency Scottsdale Resort & Spa at Gainey Ranch
7500 East Doubletree Ranch Road, Scottsdale, AZ 85258
www.scottsdale.hyatt.com