Mobile Architektur / Temporäre Bauten (AFA-Ausgabe 4/2013)

Wir leben in einem globalen Zeitalter, in dem sich unvorhergesehene Veränderungen schnell einstellen können. Die Aufgabe zeitgemäßer Architektur ist es folglich auf diesen Aspekt zu reagieren um dem Zeitbedürfnis gerecht zu werden. Dabei wird die Thematik der Flexibilität und Mobilität immer wichtiger. Auch hinsichtlich des demographischen Wandels zeigt sich die Dringlichkeit der Anforderungen an eine Nach-und Umnutzbarkeit von Architektur. Social networking erleichtert die Kommunikation und den Transfer zwischen Arbeit und zu Hause. Resultat ist unter anderem eine rasant steigende Zahl an Homeoffices. Sie sind Produkt einer neuen Zeit, in der das Business mit der privaten Zone verschmilzt. Mobile Architektur ist dabei eine Möglichkeit eines architektonischen Lösungsansatzes. Architektur muss auf die sich immer wieder verändernden Bedingungen schnell und flexibel reagieren können. Neben einer modularen Bauweise, welche durch ihre Variabilität Raumänderungen ermöglicht, ist auch Mobilität von Bedeutung. Sie erlaubt einen zusätzlichen Standortwechsel ohne großen Energie- und Kostenaufwand.
In Folge des rasanten Wachstums der niederländischen Bevölkerungsdichte, ist die sogenannte Containerarchitektur in den Niederlanden schon lange populär. Berlin greift dieses Thema jetzt mit dem Bau eines Studentenwohnheims im Ortsteil ‚Plänterwald‘ des Bezirks ‚Treptow‘ auf. Jörg Duske, Geschäftsführer der Presto 46. Vermögensverwaltung GmbH ist Initiator der Projektidee ‚EBA51‘. Das Konzept basiert auf drei Containermodulen. Das erste Modul bildet dabei der Single Container mit einer Fläche von 26 m² und einer Abmessung von 12,19m x 2,44m. Die Innenausstattung besteht aus vorgefertigten Modulelementen. Küche, Essbereich, Duschbad, Bett und Einbauschränke sind vorhanden. Der Nasskern befindet sich immer in der Mitte des Containers, was eine gute Belichtung der Hauptnutzungen ermöglicht. Bei dem Double Container handelt es sich um das nächst größere Modul mit 52m². Hier wurden zwei Container mit jeweils den Abmessungen des Single Containers aneinandergereiht. Diese Wohneinheit wird als Wohngemeinschaft für zwei Personen angeboten. Es gibt zwei Schlafzimmer und einen größeren Wohn- wie Essbereich. Der Trible Container ist mit 78m² das größte Modul, bei dem drei Einheiten zu einer Einheit geschaltet werden. Er wird als Wohngemeinschaft für drei Personen angeboten. Der Container verfügt entsprechend über drei Schlafzimmer, eine große, offene Küche mit Essbereich und eine zentrale, geräumige Wohnzone. Die Module werden über mehrere Geschosse aufeinandergestapelt. Theoretisch wäre nach Bedarf somit auch ein Angebot an Maisonettewohnungen realisierbar. Die Container stellen eine modulare, mobile und variable Innovationsvariante mit hohem Um-und Nachnutzungspotential dar. Die Mobilität ergibt sich dabei aus der schnellen Demontage der einzelnen Module, welche einen Standortwechsel ermöglicht. Die Flexibilität hingegen basiert auf der Schaltbarkeit der Module.
Eine Steigerung des Mobilitätsbegriffes findet sich in dem Konzept von‚ schwimmender Architektur‘. Hintergrund und Anlass zu dieser Überlegung ist unter anderem der Klimawandel, welcher den Anstieg des Meeresspiegels zur Folge hat. Laut deutscher Bundesregierung sind jetzt bereits etwa 75 % der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt. Diese Tatsache sichert die Zukunftsrelevanz der ‚floating houses‘.
Um schwimmende Häuser zu realisieren, errichtet man sie häufig auf hohlen Betonwannen, welche sich dem ‚archimedischen Prinzip‘ bedienen. Dieses geht davon aus, dass das zu tragende Gewicht genauso groß ist, wie die verdrängte Masse. Dabei muss die mittlere Dichte der Betonwanne mit der darin enthaltenen Luft geringer sein, als die des Wassers. Neben dieser Methode, aus einem Gebäude ein schwimmendes Objekt zu machen, besteht aber auch die Möglichkeit mehrere gestapelte Styroporplatten mit Spezialbeton aufzugießen, woraus sich das schwimmende Fundament ergibt. So entsteht ebenfalls ein Schwimmkörper, der ein Haus auf dem Wasser tragen kann.
Bereits 2008 wurde im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) im Fürst-Pückler Land ein Wettbewerb ausgelobt, welcher die Möglichkeiten schwimmender Architektur thematisierte. Es sollten nachhaltige und energieeffiziente Alternativen für das Leben auf dem Wasser untersucht werden. Der Entwurf von Jan Holzhausen greift das Hohlkörperprinzip auf, indem der Baukörper an sich einen Hohlraum bildet. Der horizontale Hohlzylinder treibt bis zu etwa einem Drittel im Wasser. Dieses Konzept vervollständigt er mit einer überlegten Materialwahl der Betonfertigteile, aus denen der Baukörper besteht. Er sieht dafür Ultra-Hochfesten Beton (UHPC) vor. Dieser ist sehr gefügedicht sowie korrosionsbeständig und begünstigt somit seinen Einsatz im Wasser. In den Konzepten der ‚floating houses‘ wird des Weiteren versucht, durch ausgearbeitete Energiekonzepte eine größtmögliche Autarkie herzustellen, welche einerseits der Umwelt und andererseits auch der Unabhängigkeit der Benutzer zu Gute kommt. So wird neben Mobilität und Flexibilität auch Autonomie ermöglicht, welche wiederum den Freiheitsgrad der Architektur und somit auch ihren Zukunftswert steigert.
Auch bei der Internationalen Bauausstellung 2013 in Hamburg wird ein schwimmendes Objekt präsentiert. Es handelt sich um das Informationszentrum der IBA namens ‚DOCK‘ und befindet sich im Müggenburger Zollhafen auf der Veddel, nahe des Hamburger Hauptbahnhofs. 2010 wurde es bereits fertiggestellt. Mit einer Gesamtfläche von 1.000m² ist es aktuell das größte, schwimmende Bauwerk in Deutschland. Ein 1.250m² großer Ponton aus Beton trägt das Gebäude auf dem Wasser. Die Besonderheit des Bauwerks findet sich in seiner Konstruktion. Denn neben seiner schwimmfähigen Mobilität verfügt das Haus auch über eine leichte Demontierbarkeit sowie Umnutzungsfähigkeit, da es in einer Modulbauweise aus 18m langen Stahlrahmen errichtet wurde. In die Stahlrahmen wurden nicht tragende Trennwände in Leichtbauweise eingesetzt. Dies ermöglicht bei Bedarf zum einen schnelle und unkomplizierte Grundrissumgestaltungen und zum anderen auch eine leichte Demontage. Dieses Projekt funktioniert ebenfalls durch die Nutzung von Sonnen und Wasserenergie autark.
Eine besonders innovative Idee gelang Mitchell Joachim zusammen mit seinem Bruder und Fitnesstrainer Douglas Joachim. Im Rahmen einer Wettbewerbsausschreibung des New York Magazine im Jahr 2005, reichte er einen Entwurf eines mobilen Fitnessstudios ein. Die Innovation seines Konzeptes findet sich dabei in der Tatsache, dass die schwimmende Fitnessinsel durch die von den trainierenden Leuten erzeugte Energie fortbewegt wird. Geplant sind 15-minütige Docking-Stopps entlang des Hudson und East River um New York City, an denen man zu- und absteigen kann. Einerseits sollen so bequeme Menschen zu einem Sporterlebnis begeistert werden und andererseits stellt es eine energieeffiziente Transportalternative dar. Eine weitere Überlegung des Architekten war es die überschüssige Energie für den Betrieb von Wasserreinigungsgeräten zu verwenden, welche unter den Gebilden vorgesehen sind. So könnte ein zusätzlicher Beitrag zur Erhaltung der Natur geleistet werden. Die Funktion des Fitness-Mobils stützt sich auf die Umwandlung kinetischer Energie, in elektrische Energie. Dieser Vorgang entspricht dem Prinzip, der Stromerzeugung durch Windkraft. Auch hier wird durch die Bewegung der Windrad-Rotorblätter zunächst mechanische Energie erzeugt, welche später mittels Generatoren zu Strom umgewandelt wird. Die Idee könnte sich in nahezu allen, an Flüssen gelegenen Großstädten durchsetzen. Mitchell Joachim belegte mit diesem Wettbewerbsbeitrag den dritten Platz. Sein futuristischer Entwurf ist eine energieeffiziente Alternative der Fortbewegung, einer immer mehr flexibler und mobiler werdenden Gesellschaft. In diesem Beispiel zeigt sich eine Prognose der urbanen Zukunft.

Autorin: Tamara Scheck

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