Architekturreise Marokko

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Das Königreich Marokko grenzt im Norden an das Mittelmeer, im Süden an die Sahara, im Osten an Algerien und im Westen an den Atlantischen Ozean. Damit liegt es im Nordwesten des afrikanischen Kontinents und wird nur durch die meistbefahrene Wasserstraße der Welt, der „Meerenge von Gibraltar“, vom europäischen Kontinent getrennt. Zu den größten Städten in Marokko gehören Casablanca mit  3.672.900 Einwohner, die Hauptstadt Rabat mit 1.722.860 Einwohnern und Fès mit 1.077.468 Einwohnern. Am Bekanntesten dürften jedoch die Touristenstädte Marrakesch und Agadir sein, die mit 920.142 Einwohnern und 700.000 Einwohnern immer noch zu den zehn größten Städten Marokkos zählen.

Die historische Architektur in Marokko ist hauptsächlich durch die Mauren mit ihren andalusischen Einflüssen und die Berber geprägt. Während im Süden Marokkos durch die Besiedlung der Berber vor etwa 4.000 Jahren sogenannte „Ksours“, also befestigte Nomadensiedlungen aus Lehm, die Architektur beeinflussen, ist im restlichen Teil Marokkos  eher der spanisch – mauretanische Baustil gefragt. Einen ebenso großen Einfluss auf die Architektur Marokkos hat die Religion. Hauptsächlich islamisch geprägt, finden sich viele architektonische Stilelemente aus dem Orient. Darunter Verse in arabischer Schrift aus dem Koran, die Arabeske, ein flächendeckendes Muster aus stilisierten Blätterranken, was uns in Europa durchaus in ähnlicher Form aus der Renaissance bekannt sein dürfte und die typischen, bunten, achteckigen, geometrischen Motive, wie sie häufig auch in Sakralbauten zu finden sind.

Typische, traditionelle Gebäudeformen sind die „Riads“ und die „Kashbahs“. Riad bedeutet übersetzt so viel wie „Stadthaus mit Garten“ und bezeichnet im ursprünglichen Sinn hochwertig ausgestattete Wohnhäuser mit Dachterrassen, Poolanlagen im Stil einer Oase und einem begrünten Innenhof. Aufgrund der häufig luxuriösen Ausstattung und der individuellen Möblierung werden diese landestypischen kleinen Paläste vielfach als Hotels oder Restaurant genutzt. Besonders interessant ist bei dieser Bauweise das Zusammenspiel von Außenraum und Innenraum. Obwohl ein Garten eher als Außenraum definiert wird, ist durch die architektonische Ausgestaltung desselben als Innenhof auch sein Bezug als Innenraum wahrzunehmen. Somit spielt die Architektur vielfach mit den wechselnden Attributen von innen und außen.
Als Kashbahs werden Burg- und Festungsanlagen aus Stampflehm bezeichnet, die im arabischen Raum hauptsächlich innerhalb der Altstädte (Medina) gelegen sind. In Marokko dagegen befinden sich diese in der Regel außerhalb der Städte.  Auch hier zeigt sich das Zusammenspiel von innen und außen, was die gesamte Architektur Marokkos sowohl auf einzelne Gebäude bezogen als auch im städtebaulichen Kontext betrifft. Ein weiteres Indiz dafür sind die häufig anzutreffenden Stadtmauern der einzelnen Siedlungen aus Lehm, die aus der Nutzung der Kashbahs als Festungsanlagen zurückzuführen ist. Daneben dienten die Kashbahs auch als Wohn- und Regierungssitze für die Herrscher und Fürsten des Landes. In Fès lässt sich sogar eine zum Königspalast ausgebaute Kashbah bewundern. Außerhalb dieser Stadtmauern sind häufig prächtige Obstgärten angelegt, was zum einen das architektonische Leitmotiv von innen und außen unterstützt und zum anderen auch die Affinität des sonst so sandigen Wüstenlandes zu Grünanlagen unterstreicht. Am ehesten lässt sich hier wohl ein Vergleich der Städte mit dem Sinnbild einer Oase anstellen.

Maßgebliches Baumaterial in der nordafrikanischen Architektur sind die verfügbaren Rohstoffe Lehm und Palmfasern, aus denen Mauern errichtet werden. Leider setzten die Witterungsbedingungen diesen Baumaterialien durch extreme Sonneneinstrahlung, Sandstürmen und gelegentlichem Regen erheblich zu, sodass die großartigen Bauwerke im Laufe der Zeit immer weiter verfallen, wenn nicht ein großer Erhaltungsaufwand betrieben wird. Als besonders sehenswert wird daher als Beispiel für gut erhaltene Lehmbauarchitektur das kleine Städtchen Taroudant angeführt. Häufig wird die alte Hauptstadt des Souss auch als „kleines Marrakesch“ bezeichnet, da sie durch ihre imposanten Befestigungsmauern aus Lehm mit viereckigen Türmen und den vielen Geschäfts- und Handwerksvierteln, den Sūqs oder auch Souks, viele Parallelen zu Marrakesch aufweist.

Sehr sehenswert ist auch Agadir. In den 1960er-Jahren wurde die alte Kashbah mit ihren Stadtmauern und den prächtigen Zinnen durch ein großes Erdbeben fast vollständig zerstört. In den 1990er-Jahren machte sich der italienische Architekt Coco Polizzi zur Aufgabe, eine neue Innenstadt zu konzipieren. Entstanden ist die Medina Polizzi. Dabei stand für Polizzi die Erhaltung der marokkanischen Kultur im Vordergrund. Die Architektur basiert auf vielen Bogenöffnungen, die an die Souks erinnern sollen und vielen kleinen gestalterischen Details wie beispielsweise schön verzierte Holztüren oder verschnörkelte Lampenschirme aus Metall, die einen Eingangsbereich schmücken und erleuchten. Als Baumaterial wurde viel Wert auf die Verwendung von traditionellen Oberflächen gelegt. Daher wurde hauptsächlich Steinmauerwerk in Kombination mit Lehmziegeln verwendet. Die Decken und Dächer bestehen nach altem Vorbild aus Holz.
Ein weiteres Merkmal der Architektur ist der Umgang mit der städtebaulichen Konzeption der Medina. Polizzi arrangiert dabei immer wieder kleine enge Gassen, die sich am Ende zu einem großen Platz erweitern. Auch hier lässt sich der architektonische Gedanke von außen und innen erahnen. Ebenso wie die Landschaftsgestaltung, die in der Medina eine große Rolle spielt. Überall finden sich kleine grüne Oasen, die maßgeblich das Ortsbild prägen und zum Verweilen einladen. Ganz nach dem traditionellen Vorbild der marokkanischen Lebensphilosophie: köstliche Mahlzeiten, Gastfreundschaft und ein gemütliches Plätzchen, um in Ruhe und mit Gelassenheit das Treiben in den Souks zu genießen.
Autorin: Sarah Zietek

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