Das Streben nach Höhe. Wolkenkratzer im Wandel

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Höher hinaus – so das Dogma im 20. Jahrhundert, in dem bislang undenkbare, nadelartige Konstruktionen die Architektur kennzeichnen, die als unübertreffbares Symbol für die Dominanz vereinfachter Stahlbautechniken, aber auch für Kapitalmacht galt, und deren Bauten Monumente nationaler Größe repräsentierten. Prestigeträchtige Aspekte, denen isoliert stehende Stahlgiganten durch effiziente Nutzung von Vertikalität auf restriktiven Grundstücksflächen wachsender Wirtschaftszentren auf vermeintlich brillante Weise Rechnung trugen. Sind in der zeitgenössischen Architektur jene Dispositionen der Hochhaus-Typologie noch relevant, offenbart sich das Streben nach Höhe in erweiterten Formen: Multidimensionale Strukturen und die überspitzte Ästhetik von Transparenz und Durchlässigkeit – als Kontrapunkt zur Geschlossenheit gemeinhin als modern geltender Bauten – dominieren heute die Entwürfe. Im Licht lauter werdender Ansprüche auf offene, interagierende Räume, bei immanentem Bedürfnis nach Individualsphäre und Identität, stellt sich die Frage: Brauchen heutige Stadtbilder noch die – mitunter lediglich symbolische und übersteigertem Geltungsdrang ihrer Schöpfer unterliegende – Präsenz von Wolkenkratzern und welche neuen Wege beschreiten wir?

Wenn nach Lampugnani heutzutage eine „Architektur des menschlichen Geistes“ herrscht, die gesellschaftlichen Bedürfnissen ein Gesicht gibt, eröffnet dies im Kontext des Hochhausbaus die Suche nach neuartigen Lösungen zur sinnvollen Befüllung und Bespielung überdimensionaler Volumina. Blickt man auf stahlgewordene Ideen unserer Zeit, die in Bezug auf die sich verändernden Werten in puncto Freiheit und Flexibilität wachsender Stadtgesellschaften gerecht werdenden Architektur den Schattenriss von Millionen-Metropolen zeichnen, ist die Aufgabenstellung komplex: Äußerliche Gestalt wie innere Raumprogrammatik fusionieren mehr denn je durch das Postulat nach heterogenen Nutzungsmöglichkeiten. Geht es nicht länger lediglich um lineare und punktuelle Schichtung von Geschossen, ist unter Beibehalt großer Maßstäbe und Nutzung neuer technischer Umsetzbarkeiten die zunehmende Bedeutung horizontaler Achsen evident – ebenso erhalten Verbindungen und Schnittpunkte höhere Signifikanz. Zahlreiche Architekturbüros suchen gerade in einer Zeit digitaler Technologien klassische Skelettkonstruktionen mit von Natur inspirierten, skulpturalen Elementen und Formen zu beleben und diese unter Einfluss zeitgenössischer Kunst sowie aktueller urbaner Lebensformen und Funktionsansprüche zu transformieren. So integriert sich der Lilium Tower Zaha Hadids mit 260 Metern Höhe in die Kulisse Warschaus, bleibt jedoch aufgrund seines kontrastierenden Designs als imposantes Kunstwerk wahrnehmbar: Bilden die Ecken des quadratischen Kerns zu vier Seiten diagonale Wände aus, sind diese jeweils verbunden durch konkav schwingende Flügel, die in ihrem Grundriss einer geöffneten Lilienblüte nachempfunden sind. In die Tiefe des Raumes verschleiert die gänzlich in Glas gehaltene und plastischen Formen folgende Doppelfassade die innere Kernstruktur. Herausblickend scheint die fragile Außenhaut aufgelöst, gibt ein nahezu rahmenloses Panorama auf die polnische Hauptstadt frei und spiegelt es nach außen wie innen wider. Öffentlicher Raum und Privatsphäre sind voneinander getrennt – und sind es doch nicht.

Ebenso entstehen mit Green Buildings dynamische Bauwerke, die danach streben, Monochromie und Materialität mittels artifiziell implementierter Natur zu tarnen oder durch deren Eindringen in den Betondschungel als Blickmagneten zu fungieren. Projekte wie das Peruri 88/Jakarta von MVRDV beweisen, dass dies in vertikaler Dimension möglich ist: Konzipiert als ‚Stadt in der Stadt’ beherbergt der Komplex eine Vielzahl an sonst rar gesäten Grünflächen und Gärten. 400 Meter ragt der Turm empor, blickt man von oben auf den Giganten, lässt das üppig sprießende Grün, das Dachterrassen der mehr als zehn verschiedenförmigen und unregelmäßig gestapelten Einzelbauten in lebendige Dschungel aus heimischen Pflanzen verwandelt, seine Dimensionen kaum erahnen. Die einzelnen Gebilde des vertikalen Quartiers unterliegen strengen formalen Rastern: Alle quaderförmig, in unterschiedlichen Ausrichtungen, minutiös durchplant, um mit einer Gesamtfläche von 360.000 Quadratmetern vielfältigen Funktionsansprüchen Raum zu geben. So multidimensional Peruri 88 in der äußeren Gestalt wirkt, ist es auch im Innern: Wohnungen, Büros, Hotel mit Parkhaus sowie Standesamt und Moschee sind auf 88 Etagen ebenso zu finden wie Kinos, Freiluft-Theater, Pools und Restaurants. Als Begegnungsort fungiert das Einkaufscenter mit zentralem Platz, der das Setting des indonesischen Eilands durch Wasserbecken und Landschaften reflektiert. Legen Entwürfe wie Urban Forest/Chongqing (MAD) oder Seeds of Life/Kairo (Mekano Studio) Schwerpunkte auf neue Naturerlebnisse beziehungsweise die Symbiose aus Wohnen und landwirtschaftlicher Nutzung, zielt SURE Architecture in Struktur wie Formensprache seines jüngsten Entwurfs The Endless City in Height für das Londoner Shoreditch auf gesellschaftliche Interaktion. Zwei dem hexagonalen Grundriss folgende Rampen winden sich rotierend um den Turm – kontinuierlich, als entwickelten sie ihr Umfeld in vertikaler wie horizontaler Folge fort. Sinnbildlich, aber auch pragmatisch stehen über den inneren Hohlraum führende Brücken für Kommunikation und sozialen Austausch, lassen auf den Ebenen befindliche Geschäftsstraßen, Büros und Parks in Dialog treten, machen sie erlebbar. Ein offenes, von Licht und Grün durchwirktes Gebilde entsteht – eine elementare Prämisse, die ebenso die gläserne Fassade erfüllt, stellen fließende Sichtbeziehungen doch grundlegende Parameter dar. Unter Vermeidung starrer Winkel zeichnen sich die additiven Ebenen durch lebendig-fließende Plastizität aus. Durch geschwungene, auskragende und scheinbar schwebende begrünte Terrassen, geschossübergreifende Innenhöfe, variierend in Höhe und Breite zugunsten einer Verschmelzung der Ebenen und Akzentuierung der Horizontalen, fungieren Freiflächen als Schnittstellen zwischen Stadt und Garten. Die Hochhaus-Silhouette windet sich aus ihrer architektonischen Form – freie Räume kulminieren in Bewegung von Luft, Wind, Licht und Grün. Green Buildings scheint eins gemein: Äußerlich visueller Ruhepol, von innen heraus durch die Anmutung natürlicher Landschaften Outdoor-Erlebnis. Bereits Howard fordert im Konzept der Garden City (1902), dem Menschen solle der Blick auf Blumen und Gärten gewährt sein. Auch Le Corbusiers Ville Radieuse (1930-33) greift dies auf: Luft, Licht, Grün, drei wesentliche Freuden des Menschen, sollten in geballten Stadträumen präsent sein, nicht zuletzt durch Rückgewinnung bebauter Flächen durch Transponieren dieser auf Dachgärten. Dennoch, die in Green Buildings intendierte Nachhaltigkeit scheint sich mehr als eine gesellschaftliche zu definieren als eine im ökologischen Sinne. So stellt die Gesamtheit für High-Tech-Bauten verwendeter Ressourcen und Materialien trotz späterer energieeffizienter Wirtschaftlichkeit eine klimaneutrale Bilanz infrage.

Mehr als um endloses Vertikalstreben mäandert der Diskurs zu Wolkenkratzern des 21. Jahrhunderts um Fragen zu Kontinuität und Offenheit lebenswerter Räume. Die Vielfalt an Stilen und Städtebaumodellen fordert Architekten heraus, Monotonie und Fragmentierung im Stadtbild entgegenzuwirken, ohne bestehende Vorbilder nur zu imitieren. Doch bergen (grüne) Wolkenkratzer Risiken, forcieren sie mitunter rückläufige Tendenzen, die Natur, nicht nur deren Abbilder, zu rezipieren. Doch wohnt der Hochhausarchitektur ein – nach Herzog durch Globalisierung begünstigtes – Potenzial für Großstädte inne, haben sie bei Vermeidung alter Bausünden die Chance, sich in regionaler, kultureller und identitätsstiftender Sicht neu zu definieren. Einen Vorstoß wagt BNKR Arquitectura mit dem Earthscraper, der durch eine neue Typologie dem Höhenstreben ein kritisches Timbre verleiht. Als Antwort auf das Höhenlimit von acht Etagen in Mexico City graben sich 65 Geschosse pyramidal 300 Meter tief in das Erdreich. Unter der auf Straßenniveau gespannten Glashaut beherbergen sie Museen, Wohnraum sowie Büros. Ob in Höhe oder Tiefe – Wolkenkratzer müssen künftig als experimentale Plattformen dienen, die sich gekleidet in zeitgemäße architektonische Gewänder mit der Wahrnehmung stetig verändern.
Autorin: Laura Stillers, B.A.