Floating Architecture – Bauen über dem Wasser

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Warum ist Architektur am Wasser so begehrt? Jenseits der romantischen Sehnsuchtsidee, die dem Element anhaftet, gibt es – gerade in der heutigen Zeit – zahlreiche pragmatische Argumente für das Bauen am und über dem Wasser. Denn mehr als die Hälfte der Erde ist mit Wasser bedeckt. Durch den Klimawandel prognostiziert die Wissenschaft immer weiter steigende Meeresspiegel. Wenn (bereits stark verdichtete) urbane Räume an Land gleichzeitig an ihre Grenzen stoßen, dürften Lösungsansätze zu Wasser – sozusagen als künftiger Rettungsring – zumindest einen Gedanken Wert sein.

Nicht wenige Büros haben sich in den vergangenen Jahren mit derartigen Szenarien beschäftigt. Im Spiel mit den Elementen sind Entwürfe entstanden, die nicht nur die verschiedensten Funktionen, Formen und Dimensionen durchdeklinieren. Denn vor allem verstehen die Bauten nämlich Wasser als nutzbaren Gemeinschaftsraum.

Schwimmende Architektur wird so zu einer neuen Typologie, zu einer neuen, mobilen Lebensform, die – wie es auch Christo mit seinen Floating Piers (2016, Lago Iseo, Italien) bereits vorgemacht hat – gleichsam in der Lage ist, das Umfeld aus einer sich stets verändernden Perspektive wahrzunehmen.

Fließender Übergang

Projekt H Architecture, Seoul Floating Pavilion a) Pläne: HAEAHN Architecture b) Fotos: Yongkwan Kim c) Fotos: Youngchae Park

Diesen transformatorischen Charakter reflektiert das Projekt Floating Island in Seoul (2011, Haeahn Architecture mit H Architecture). Drei in ihren Dimensionen unterschiedliche Strukturen schwimmen auf dem Han-Fluss, der mitten durch die koreanische Metropole verläuft. Angeordnet in Form eines Dreiecks und untereinander verbunden durch Brücken erweitern sie den extrem verdichteten städtischen Raum durch ein insgesamt fast 10.000 Quadratmeter umfassendes ‚Viertel’. Hier, an dem neu geschaffenen Ort für Freizeit, Erholung und Kultur, ist es möglich, aus der urbanen Dynamik herauszutreten und sie aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen. Doch auch in seiner äußeren Gestalt geht es bei dem schwimmenden Komplex um die Darstellung von Veränderung und Entwicklung. So repräsentiert jede der experimentellen Inseln mit ihren Bauwerken jeweils ein Stadium der Metamorphose einer Seerose: Vom Samen über die Knospe bis hin zur Blüte. Mit ovalem Grundriss ist die kleinste Struktur, ein Zentrum für Wassersport, unter ihnen gleichsam die archaischte. Über dem hölzernen Floß erhebt sich eine Konstruktion aus zwei sich umschlingenden Halbkreisen. Einer von ihnen schwingt wellenartig als Glasfassade empor und spiegelt damit den engen Bezug zum Wasser. Die ‚Knospe’ hingegen zeigt sich in ihrer Ästhetik filigraner. Eine Schale aus diagonal gewobenem Stahlnetz vermittelt zu zwei Seiten die Geschlossenheit noch nicht geöffneter Blütenblätter. Mehr denn je dominiert hier das Rund. Rings um den innenliegenden Korpus schmiegen sich ondulierende Aluminiumbänder, als wollten sie das Geschehen im Inneren verschleiern: Die ‚Knospe’ ist konzipiert als Bühne für performative Kunst, Ausstellungen und Veranstaltungen. Wird es Nacht, leuchtet sie nicht nur aus ihrem Inneren heraus. Denn statt in der Dunkelheit unterzugehen, werden die Gebäudeoberflächen selbst zu Projektionsflächen für spektakuläre Lichtinszenierungen. Hell illuminiert zeigt sich dann auch die volle Pracht der größten Insel: Einer aufgehenden Blüte ähnelnd zeichnen die übereinandergestapelten Terrassen organisch auskragende Grundrisse nach, die sich mit zunehmender Geschosshöhe verkleinern. Zart, wie feine Blütenblätter, umringen die Fassaden aus Frittenglas jede einzelne Ebene. Platz haben hier bis zu 700 Menschen in einer Multifunktionshalle für Konzerte und Festivals, ebenso sind auf der Insel ein Restaurant mit Garten sowie eine Aussichtsplattform untergebracht. Besonderes Augenmerk bei dem Entwurf lag auf der Stabilität der Strukturen: Um der Strömung des Han-Flusses zu trotzen, schwimmen die Inseln auf einem Ponton-System und werden durch eine automatische Vertäuung am für diesen Zweck zusätzlich befestigten Ufer auf Position gehalten.

Ei oder Nest?

Fotos: Giancarlo Zema Design Group

Was nun zuerst war – ob nun Ei oder Nest, dürfte bei dem Projekt von Giancarlo Zema eine berechtigte Frage sein. Feststeht: Die Konformität mit Natur und Umwelt ist hier oberstes Credo. Mit Ausnahme des Aluminium-Rumpfes ist das WaterNest 100 (2015, London) gänzlich aus recyceltem, geklebtem Holz gefertigt. Mit horizontaler Betonung spannt sich das helle Netz um das zwölf Meter Durchmesser umfassende Oval herum, und zuoberst trägt das bewohnbare Binsenkörbchen eine Haube aus photovolatischen Paneelen. In seiner Gestalt erinnert es tatsächlich einem liegenden Ei und erweckt sogleich Anklänge an das kleine Installationsobjekt Exbury Egg (2013, Beaulieu, UK, in Zusammenarbeit mit PAD Studion und SPUD Group), das der Künstler Stephen Turner im Selbstversuch bewohnt hatte. Auch das Exemplar von Giancarlo Zema scheint auf dem Wasser zu schweben, während dieses jedoch mit 100 Quadratmetern Grundfläche und vier Metern Höhe ein wesentlich großzügigeres Wohnambiente bietet. Dieses ist stets im Dialog mit seiner äußeren Umgebung: Oberlichter lassen Tageslicht in Küche und Bad einfallen. Große Fenster in Wohn, Schlafzimmer und Essbereich sowie zwei gegenüberliegende geben den Blick frei auf die Wasserlandschaft. Perspektiven hat WaterNest 100 durchaus für die Zukunft. Nicht nur ist das Material, aus dem die Wohneinheit gemacht ist, selbst zu 98 Prozent recyclingfähig. Ihr nachhaltiges Mikro-Belüftungssystem mit Klimaanlage zahlt auf einen niedrigen Energieverbrauch ein und damit auf eine positive Ökobilanz. Und diese ist sogar noch potenzierbar: Verbunden durch Docks und Stege lassen sich die Nester zu einer schwimmenden Siedlung anordnen – und beispielsweise als Hotel nutzen.

Wohnflöße auf Kurs

Durch einen solchen Verbund einzelner Module entstand bei BIG – Bjarke Ingels Group eine vollkommen neue Gebäudetypologie, die besonders dort ihren Nutzen offenbart, wo Wohnraum knapp ist. So auch in Kopenhagen. Seit Jahren verzeichnet die Universitätsstadt einen enormen Zuwachs an Studierenden. Während die räumlichen Expansionsmöglichkeiten an Land limitiert sind, bieten sich zu Wasser neue Erschließungsoptionen: Im noch wenig genutzten und doch zentral liegenden Hafen der Stadt treiben nun dreieckige Wohnflöße. Urban Rigger (2016) titelt das experimentelle Projekt, bei dem sich neun ISO-Seefracht-Container zu einer Einheit formieren, die nicht nur schwimmen kann, sondern bereits in ihrer Ästhetik auf die eindeutige Verbindung zum Element Wasser deutet. Drei Container wurden dabei zunächst hexagonal angeordnet. In gleicher Gestalt, jedoch brückenartig versetzt, bilden weitere drei Module darüber eine weitere Ebene. Auf insgesamt 680 Quadratmetern entstehen so zwölf Wohneinheiten für Studierende auf einem einzelnen Floßsystem, dessen Mitte sich zu einem gemeinschaftlichen Wintergarten öffnet und durch vielfältige Blickbeziehungen den lebendigen Austausch unter den jungen Bewohnern fördert. Urban Rigger hat als Prototyp für temporäres Wohnen auf dem Wasser längst sein hohes Potenzial unter Beweis gestellt – es dürfte wohl lediglich eine Frage der Zeit sein, bis auch andere Hafenstädte, gerade in einer Zeit, in dem dringender Bedarf an schnell implementierbaren Unterkünften besteht, diesem erfolgreichen Beispiel folgen.

Schwimmende Sakralarchitektur

Pläne: Tucker Designs, alles andere: Denizen Works

Auch Denizen Works versteht das Wasser als die Menschen verbindenden Raum. Mit der gemeinsam mit den beiden Bootsbauern Turks und Tony Tucker Designs für die Diözese von London konzipierten Floating Church (Fertigstellung voraussichtlich Dezember 2018) soll ein völlig neuartiges Konzept für ein mobiles Gemeinschaftszentrum auf den Kanälen der britischen Hauptstadt in die Tat umgesetzt werden, das Stadtteile und (Kirchen-)Gemeinden miteinander vernetzen soll. Das schwimmende Gotteshaus muss dabei ganz gegensätzlichen Ansprüchen genügen: Kompakt und möglichst restriktiv in seiner Höhe muss es sein, um unter den teilweise flachen Brücken hindurchnavigieren zu können. Floating Church soll jedoch gleichsam Treffpunkt für möglichst viele Menschen sein, nutzbarer Raum muss also hier maximal ausgeschöpft werden. Eine derart großzügige Grundfläche bietet ein tiefliegender Lastkahn. Seine volle Funktionalität, aber auch seinen symbolischen Charakter entfaltet dieser – im wörtlichen Sinne – jedoch erst, wenn er am Ufer festgemacht hat. Dann nämlich hebt sich das Dach diagonal in die Höhe, wie ein sich blähender Balg entfacht sich das Segeltuch. Reminiszenzen an das zum Schlafen aufgestellte Dach eines VW-Bullis oder gar an einen Kirchenorgelbalg werden wach – und in der Tat stammt das wiederverwendete Material genau von diesen. Durch diesen transluzenzen Baldachin erfährt nun Floating Church ihren dramaturgischen Höhepunkt: Tagsüber gehüllt in sanftes Umgebungslicht und nachts warm erstrahlend wie eine chinesische Laterne, bittet der Kahn zu jeder Zeit in seinen höchst anpassungsfähigen Innenraum: Mal als Ort der Kontemplation, mal Ort der Interaktion, dient die Fläche von 60 Quadratmetern Gottesdiensten ebenso wie Kunstausstellungen, Yoga-Kursen oder für Dinner.

Halb Haus, halb Boot

Projekt Carl Turner Architects, Floating House a) Pläne: Carl Turner Architects b) Fotos: Carl Turner Architects

Ebenfalls in Großbritannien ist ein weiteres schwimmendes Projekt entstanden, ein Einfamilienhaus, das sich vielmehr als Hybrid aus Behausung und Wassergefährt darstellt. Es mag der Tatsache geschuldet sein, dass die Atlantik-Inseln in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von Überschwemmungen heimgesucht worden sind, dass der Londoner Architekt Carl Turner eine Do-it-yourself-Leichtbaukonstruktion entwickelt hat, die im Ernstfall an jedem Ort implementiert werden könnte: Nicht nur traditionelle Pfahlgründungen können das Haus tragen. Sein roher Betonboden lässt das aus unterschiedlich großen Kuben bestehende Haus ebenso auf steigendem Hochwasser schwimmen – und bildet dann einen eigenen kleinen Mikrokomos. So ist das Gebäude selbst – linear in seiner Form, weiß getüncht, mit seinen farbig gestalteten Wandöffnungen erinnert es fast an einen Mondrian – eine nach Passivhausstandard isolierte und mit Fiberglas beschichtete Holzbox mit den Maßen 14 mal fünf Meter, das von zwei sie überragenden halbtransparenten Außenwänden flankiert wird. Wie riesige Scheuklappen schmiegen sie sich an den zweistöckigen Bau und sind ausgebildet als insgesamt 84 Quadratmeter umfassende photovolatische Flächen, die das Haus mit Elektrizität versorgen und Warmwasser erzeugen können. Sie bilden gleichzeitig begrünbare Brüstungen für das großzügige Oberdeck, das neben seiner Nutzung als Dachterrasse Auffangmöglichkeiten für Regenwasser bietet. Darunter, auf den inneren zwei Decks, haben gewandet in helles Holz zwei Schlafzimmer mit Bad, ein Arbeitszimmer sowie ein langgestreckter Wohn- und Essbereich mit offener Küche Platz. Der Beweis für den völlig autarken Charakter dieses einzelnen Hauses, neben seiner positiven Klimabilanz, findet sich auf einer kleinen Nachbarinsel, die es im Schlepptau hat: Hier dockt ein eigener Garten an, in dem Getreide, Gemüse und Obst gedeihen sollen, die die Bewohner schließlich zu Selbstversorgern machen. Nicht zuletzt durch die Möglichkeiten, das Floating House mit anderen Exemplaren seiner Gattung über Pontons und Flöße zu größeren Strukturen verbinden zu können, zeigt: Das Floating House findet damit realisierbare Antworten bei der Frage nach neuen Lebensmodellen in Zeiten des Klimawandels. Die Pläne für das Projekt sind im Internet als Open-Source-Dokumente frei zugänglich – Nachahmer sind also willkommen.

Maritimes Corporate Building

Eine Hommage an die Eisbrecherschiffe, die an der Katajanokka-Küste im Osten Helsinkis die Kulisse dominieren, ist dem finnischen Büro K2S Architects gelungen. Denn die 2013 fertiggestellte Zentrale für das Unternehmen Arctia Shipping Ltd. reflektiert jene Imposanz der schwimmenden Giganten in reduziertem Maßstab. Insgesamt 950 Quadratmeter umfasst das Bürogebäude, dessen Boden mittels eines Wasserballastsystems auf Niveau des Docks gehalten wird. Das überdimensionale Floß scheint sich durch seinen programmatischen Minimalismus lautlos in seinen maritimen Kontext eingliedern zu wollen. Doch auch wenn seine stark horizontal ausgeprägten und maßgefertigten Fassaden aus schwarzem Stahl auf die dunklen Rümpfe der Hafen-Nachbarn rekurrieren, offenbart sich bei näherem Blick ein Aufsehen erregender Detailreichtum der Außenhaut: Gefertigt aus einem speziellen Stahlprofil zeigt sie sich nach unten hin als verdichtendes Relief, dessen abstrahierte Perforationen an fragile Eiskristalle und feine kreuzförmige Segeltuchmuster erinneren. Virtuos rhythmisiert verhüllt es das Gebäude und lässt die streng geometrische Quaderform des Gebäudes in den Hintergrund treten. Im klaren Kontrast zu diesem dennoch kühl wirkenden, weil monolithischen Äußeren steht das Innere des Stahlschiffes: Durch den Einsatz von lackiertem Holz erfährt die traditionelle maritime Ästhetik eine Fortsetzung. Bereits das Hauptfoyer mutet behaglich an. Es ist, als zögen die schmalen Holzpaneele, die im Innen Wänden und Decke auskleiden und auch jenseits der raumhohen Glasfassade den außenliegenden Eingang rahmen, den Besucher mit einladender Geste in das Gebäude hinein. Fast wäre vergessen, dass die Architekten hier ein Bauwerk in das Gewand eines Schiffes hüllen wollten. Doch blickt man von einem der größen Konferenzräume hinaus aufs Meer, untermalt von den Geräuschen des sich unter den Wellen bewegenden Stahls, spätenstens dann ist auch zwischen dem Besucher und Arctia das Eis gebrochen.

Text:

Laura Stillers

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